Rückblick: „Jüdische Studien, Antisemitismusforschung und Postkolonialismus – (k)ein Verwandschaftsverhältnis?“

Die Kontroverse rund um den Philosophen Achille Mbembe hat es uns erneut vor Augen geführt: Postkolonialer Aktivismus im Sinne des Antirassismus wird (nicht nur) in Deutschland von Kritiker*innen häufig als potenzielle oder tatsächliche Bühne für antisemitische, weil anti-israelische Agitation gesehen. Dabei werden die Belange und Nöte unterschiedlicher Minderheiten in unversöhnliche Opposition zueinander positioniert. Dieses Schisma lässt sich auch in der Wissenschaftslandschaft feststellen. So sind etwa die Jüdischen Studien theoretisch und methodologisch häufig abgekoppelt von Erkenntnissen der postkolonialen Studien und umgekehrt. Dabei haben sich theoretisch wie auch praktisch immer wieder jüdische Akteur*innen für die postkoloniale und antirassistische Sache eingesetzt sowie umgekehrt Mitglieder anderer Gruppen (etwa Schwarze Menschen in Europa/USA) für die Belange der jüdischen Gemeinschaft.

Ziel des Thementags (Kollegleitung: Dr. David Kowalski, Gil Shohat) war, sich diesem Feld anhand aktueller und historischer Beispiele zu nähern und die Ursachen für die beileibe nicht „natürliche“ Spaltung historisch zu erörtern. Ausgehend von Hannaha Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ wurden verschiedene Ansätze diskutiert, die die Geschichte des Kolonialismus und des Nationalsozialismus nicht losgelöst voneinander, sondern als eine Verflechtungsgeschichte analysieren. Dadurch werden Kontinuitäten und Verbindungen zwischen unterschiedlichen Gewaltverbrechen sichtbar, es treten aber auch analytische Unterschiede zu Tage.

Der Thementag fand online statt und war gesprägt von sehr lebendigen und inspirierenden Diskussionen. Die Teilnehmenden brachten viel Motivation und eine große Expertise mit. Ich bedanke mich herzlich bei den Teilnehmenden, bei unseren Gästen, dem langjährigen Bundestagsabgeordnete Volker Beck sowie Prof. Ethan B. Katz aus Berkeley für ihre politischen bzw. wissenschaftlichen Einordnungen, und ganz besonders bei Gil Shohat, Historiker und Stipendiat der ELES-Promovierendenförderung, für die die Idee und die engagierte Durchführung.

Stipendiat*innen, die sich für die Literaturliste oder einen weiteren Austausch zum Thema interessieren, können sich gerne bei mir melden.

Dr. David Kowalski, ELES-Referent

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