Rückblick: ELES-Kolleg „Sexualität und Judentum“

„Seid fruchtbar und mehret Euch“ ist die erste Mitzwah in der Torah. Fortpflanzung hat im Judentum also eine große Bedeutung, doch auch das sexuelle Vergnügen jenseits des Kinderkriegens ist durchaus erwünscht. Die Torah verpflichtet den Mann explizit dazu, seine Frau zu befriedigen und ihr umfänglich zur Verfügung zu stehen. Kommt er dieser Pflicht nicht nach, ist dies ein Scheidungsgrund. Die verschiedensten Sexualpraxen werden in der rabbinischen Tradition akzeptiert, so lange kein „Samen verschwendet“ wird. Doch diese Prämisse birgt große Herausforderungen, steht sie doch beispielsweiser einer schwulen Sexualität entgegen.

Im Rahmen eines Kollegs beim Forum Humanum in Neversdorf nahmen wir uns dem Thema „Sexualität und Judentum“ vermittelt über das Medium Film an. Rabbiner Shaul Friberg führte zunächst in die religiösen Grundlagen des Themas ein und stellte einige Passagen aus Thora und Talmud zur Sexualität vor. Die Filmwissenschaftlerin Hilla Lavie gab einen Überblick zu Methoden der Filmanalyse, mit denen anschließend die Filme des Kollegs diskutiert und ausgewertet wurden. Die ersten drei Filme „Du sollst nicht lieben“ (2009), „Sacred Sperm“ (2014) und „Keep not silent“ (2004) beleuchteten das Thema anhand ultra-orthodoxer Gemeinden in Israel, allerdings aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Während „Du sollst nicht lieben“ von außen mit einem sehr kritischen Blick auf die ultra-orthodoxen Gemeinschaften blickt und deren Umgang mit Homosexualität problematisiert, nimmt die Doku „Keep not silent“ eher eine Innenperspektive ein. Die Protagonistinnen sind selbst streng religiös, befolgen die Gesetze und sehen ihre eigene homosexuelle Sexualität zum Teil als einen Widerspruch dazu an. In der Selbsthilfeorganisation OrthoDykes kommen sie mit anderen Lesben zusammen, um die Vereinbarkeit von jüdisch-orthodoxer Lebensführung und Homosexualität zu diskutieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Ein Highlight des Kollegs war, dass die Macherin der Dokumentation, Ilil Alexander, für Fragen zur Verfügung stand. Wir sprachen mit ihr über die Entstehung, Hintergründe und das Anliegen der Dokumentation. Alexander gewährte der Gruppe tiefe Einblicke sowohl in die Arbeit einer Regisseurin als auch in die Hintergründe der Protagonistinnen des Films.

Die Dokumentation „Sacred Sperm“ nimmt eine andere Position zum Thema Sexualität und Judentum ein und beleuchtet das religiöse Gebot, keinen Samen verschwenden zu sollen. Der Regisseur und Protagonist ist ein israelischer Charedi, der im Film die Herausforderungen diskutiert, seinen Kindern das Onanieverbot und sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Ehe zu vermitteln. Zwar thematisiert der Film die großen Schwierigkeiten einer solchen Lebensführung, letztendlich wird die Enthaltsamkeit aber als etwas durchweg Positives dargestellt. Der Film bot einen guten Perspektivwechsel zu den ansonsten häufig sehr kritischen Filmen über ultra-orthodoxe Gemeinschaften.

Eine ganz andere Form der jüdischen Gemeinschaft und deren Umfang mit Sexualität wird in der Serie „Transparent“ dargestellt, die wir zum Abschluss des Kollegs ansahen. Die Serie handelt von einer liberalen, jüdischen Familie und ihrem Umgang mit dem Outing des Vaters als Trans-Frau. In der Serie wird ein Bild vom Judentum gezeichnet, das sehr offen ist für jegliche sexuelle Praxen und Identitäten. „Transparent“ setzte einen starken Kontrapunkt zu den anderen Filmen des Kollegs und veranschaulichte, dass es sehr unterschiedliche Auslegungen des Judentums gibt.

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmenden für die spannenden Diskussionen und bei der Udo Keller Stiftung für die großzügige Gastfreundschaft.

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