Porträt ELES-Auslandsförderung: Samuel Loebell

Neue medizinische Herausforderungen, vielseitiges jüdisches Leben, überwältigende Natur – Samuel Loebell über sein von ELES gefördertes Chirurgie-Tertial in Südafrika.

Herr Loebell, Sie waren für mehrere Monate in Kapstadt. Was haben Sie dort gemacht?

Ich habe im Tygerberg-Hospital gearbeitet. Im Rahmen meines Medizinstudiums bin ich im Praktischen Jahr in unterschiedlichen Fachbereichen im Krankenhaus tätig, u. a. in der Inneren Medizin und der Chirurgie. Für die erste Hälfte meines Chirurgie Tertials hatte ich mich frühzeitig in Kapstadt im Tygerberg Hospital beworben.

Warum Südafrika und weshalb dieses Krankenhaus?

Ich habe im Rahmen meines Medizinstudiums bereits in den USA und in Spanien gearbeitet. Jetzt, am Ende meines Studiums, lag es mir am Herzen in einem Land zu arbeiten, in dem die Grundfrage nicht ist, wie ein Patient behandelt wird, sondern für welche Patient_innen überhaupt die Chance besteht, behandelt zu werden. Um diese existenzielle Situation hautnah zu erfahren, habe ich das Tygerberg-Hospital für mein Tertial gewählt. Es ist das größte öffentliche Krankenhaus in Kapstadt und versorgt insbesondere den ärmeren Teil der schwarzen südafrikanischen Bevölkerung, die Menschen aus den umliegenden Townships.

Welche Relevanz hat der Aufenthalt für Ihr Studium?

In der Trauma-Abteilung der Chirurgie habe ich Krankheitsbilder kennengelernt, die ich in deutschen Krankenhäusern nie zu Gesicht bekommen hätte. Wir haben Patient_innen mit schweren Schuss- und Messerstichverletzungen oder Polytraumata nach schweren Autounfällen behandelt. In anderen Abteilungen wie General Surgery oder Vascular Surgery habe ich infektiöse Erkrankungen sowie Tumorerkrankungen in sehr späten Stadien gesehen, die in Deutschland selten zu beobachten sind. Bei uns in Deutschland werden solche Erkrankungen aufgrund der Früherkennungsuntersuchungen schon früher entdeckt und behandelt. Vieles, was bei uns präzise organisiert ist, muss in Südafrika improvisiert werden. Vieles, womit wir Ärzt_innen hier arbeiten, stand für die medizinische Arbeit dort nicht zur Verfügung.

Welchen Eindruck haben Sie vom jüdischen Leben in Kapstadt bekommen?

Es ist vielseitig und lebendig. Kapstadt hat nach Johannesburg die größte jüdische Gemeinde in Südafrika. Überall entdeckte ich Spuren der Emigrant_innen verschiedener Einwanderungszeiten. Straßennamen und Erinnerungstafeln machten diesen Teil der Geschichte Südafrikas sichtbar. Das jüdische Leben ist in verschiedenen Traditionen verwurzelt. Mir fielen die jüdischen Delis mit leckeren Bagels auf und die Bäckereien in Sea Point, die Rugelach und köstliches jüdisches Gebäck verkaufen. Mich hat das sehr an New York erinnert. Mir gefiel, wie selbstverständlich auch ein Inder oder eine Muslima in einem jüdischen Deli einkaufen. Für religiöse Jüdinnen und Juden gibt es die Möglichkeit, koschere Lebensmittel sogar in den großen Supermärkten zu kaufen. Ein kleiner Teil unserer Familie ist aus Nazideutschland in den Dreißigerjahren nach Kapstadt ausgewandert. Ich konnte sie leider nicht ausfindig machen. Die jüdischen Fluchtgeschichten spiegelten sich für mich in der Ausgrenzung der Schwarzen, der großen Kluft zwischen Weißen und Schwarzen, die ich im Krankhaus täglich vor Augen hatte.

Wie hat Ihnen das Land gefallen?

Die Landschaft ist überwältigend schön! Der Sonnenaufgang auf dem Tafelberg mit weitem Blick über die Stadt, der Atlantik rundherum, die endlosen Strände und, natürlich die Tiere, die Löwen, Nashörner und Giraffen. Wo ich auch hingefahren bin, überall wurde ich freundlich empfangen. Ich war willkommen, auch in einer Hütte in einem Township. Die Menschen leben vollkommen in der Gegenwart, so schwierig und verrückt die Umstände auch sein mögen. Diese Fähigkeit hat mir besonders gefallen und sie hat mich tief beeindruckt.

Foto: Samuel Loebell

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