Fünf Fragen an Michal Or-Guil, die neue Beiratsvorsitzende von ELES

Seit dem 18. Juni 2019 ist Dr. Michal Or-Guil neue Vorsitzende des Beirats. Der Beirat ist für die Arbeit von ELES von großer Bedeutung, er ist das Organ, das die Ausrichtung des Studienwerks entscheidend gestaltet. Aus seinen Mitgliedern bilden sich Gremien wie Auswahlausschuss, Programmausschuss oder Vertrauensdozent_innen-Ausschuss.

Michal Or-Guil ist Physikerin, forscht an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, engagiert sich für Hochschulpolitik und ist bei ELES seit 2010 als Vertrauensdozentin und Beiratsmitglied tätig.

Michal, Glückwunsch zur Wahl! Bevor wir nach vorne schauen, ein kurzer Blick zurück. Du engagierst dich von Beginn an bei und für ELES. Wie bist du damals auf das Studienwerk in Gründung aufmerksam geworden und weshalb hast du dich entschieden, das jüdische Studienwerk zu unterstützen?

Vor rund 10 Jahren habe ich einen Brief von Jo Frank bekommen, in dem er mir von der bevorstehenden Gründung und von der Einladung des Vereins berichtete, im Beirat von ELES mitzuwirken. Über diese Nachricht habe ich mich sehr gefreut und dennoch, ich gebe es gerne zu, habe ich zuerst gezögert. Nach der Einladung gingen mir so viele Fragen durch den Kopf. Ich hatte zum Beispiel immer die Haltung vertreten, dass mein jüdischer Hintergrund keine Rolle im akademischen Kontext spielen und daher kein Thema sein solle. Würde ein Engagement bei ELES zu dieser Haltung passen? Oder sollte ich diese Haltung ändern? Letztlich überwog die Überlegung, dass es keinen besseren Ort geben könnte, sich genau über solche Fragen auszutauschen, als ELES selbst. Und dass ich diese Chance, einen Beitrag zu leisten in und für eine Gemeinschaft, die mir wichtig ist, wahrnehmen wollte.

ELES feiert im Oktober 2019 seinen 10. Geburtstag. Das Studienwerk ist in den vergangenen Jahren gewachsen, vieles ist angestoßen und erreicht worden. Welche Aspekte der Arbeit von ELES sind dir in diesen zehn Jahren besonders wichtig gewesen?

Besonders inspirierend war es, die Erfolge der Stipendiat_innen und Ehemaligen zu erleben. Auch das Studienwerk ist in dieser Zeit gewachsen, die Geschäftsstelle ist größer geworden. und Prozesse wie zum Beispiel das Auswahlverfahren wurden immer effizienter. Nicht zuletzt sind durch das Anstoßen von Initiativen wie den Dialogperspektiven, DAGESH oder Hillel Deutschland bei und über ELES hinaus weitere Räume für Stipendiat_innen und jüdische Studierende geschaffen worden.

„Pluralität wird für mich großgeschrieben, also die verschiedenen Formen und Spielarten des Judentums“, hast du in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen erzählt. Für ELES ist innerjüdischer Pluralismus essentiell und auch der Beirat spiegelt den pluralistischen Geist des Studienwerks. Hier treffen sich Repräsentant_innen der jüdischen Gemeinschaft, jüdische Persönlichkeiten und anerkannte jüdische Akademiker_innen der unterschiedlichsten Fachrichtungen. Welche Impulse der Tätigkeit des Beirates sind deiner Ansicht nach für ELES besonders wertvoll?

Das stimmt, der Beirat spiegelt innerjüdische Pluralität, sowie eine breite Palette an Tätigkeiten und Fachrichtungen wider. Diese Diversität lädt zum Kennenlernen und zum gemeinsamen Arbeiten ein. Das macht die Arbeit im Beirat wirklich sehr bereichernd. Diese Diversität ist aber nicht nur spannend, sondern auch grundlegend, denn sie bildet das reale Leben ab. Der Beirat ist pluralistisch, aber auch ein Beispiel für gelebte jüdische Einheit.

Welche Themen und Schwerpunkte stehen auf deiner Agenda als Beirats-Vorsitzender ganz oben?

Ich freue mich sehr darauf, den Austausch mit den Stipendiat_innen zu intensivieren und weitere Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Der Festakt am 10. Oktober 2019 ist für mich auch ein Fest der Begegnung, des Wiedersehens und Neukennenlernens von aktuellen und ehemaligen Stipendiat_innen.

Deutschland und Europa haben sich in der letzten Dekade deutlich verändert. Nationalismus und Rechtspopulismus stellen die offene und pluralistische Gesellschaft in Frage. Du wurdest in Israel geboren, hast bis zu deinem 14. Lebensjahr in Brasilien gelebt, kamst dann nach Deutschland und lebst heute in Berlin. Du sprichst mehrere Sprachen und deine Forschungen sind international ausgerichtet. Die Anerkennung und Wertschätzung von Diversität ist ELES wichtig und Internationalität ist ELES schon durch die vielfältigen Biografien und Herkunftsländer seiner Stipendiat_innen eingeschrieben. Welche Relevanz haben der internationale Austausch und der Dialog für junge Jüdinnen und Juden?

Der Dialog und internationaler Austausch sind für alle jungen Menschen wichtig. Ich finde es sehr erfreulich, dass ELES Auslandsaufenthalte mit Nachdruck unterstützt. Zu meiner Studienzeit gab es solche Programme noch nicht, und ich habe diese Möglichkeit damals vermisst. Das Sammeln von Erfahrungen im internationalen Austausch ist nämlich auch für die essentiell, deren Biografien bereits „international“ sind. Gerade im akademischen Leben, in Forschung und Entwicklung, darf man sich nicht scheuen, von Kolleg_innen weltweit zu lernen, mit ihnen zusammen zu arbeiten und sich mit ihnen zu messen. Und nicht zuletzt ist eine erfolgreiche internationale Zusammenarbeit gerade das, was Nationalismus ad absurdum führt.

Wir danken für das Gespräch und gratulieren nochmals herzlichst!

Copyright Foto: Michal Or-Guil

Archiv