„Die Ruhe vor dem Sturm“ — ELES-Stipendiatin über den Brexit

Judith Offenberg ist ELES-Stipendiatin und studiert in London. Wie sie die Auseinandersetzungen um den Brexit erlebt hat, erzählt sie hier:

„Heute verlässt Großbritannien die Europäische Union. Alle, ob Briten, Europäer_innen oder internationale Studierende, ahnen, dass es nach dem heutigen Tag Änderungen geben dürfte. Welche dies sein werden und welchen Einfluss sie auf unser tägliches Leben haben werden, weiß so genau noch niemand. Doch vor lauter Ratlosigkeit hat sich merkwürdigerweise eine nicht nachvollziehbare Ruhe über Großbritannien gelegt.

Die Auseinandersetzung um den Brexit wurde in der Endphase durch die Parlamentswahlen überlagert. Insbesondere für die jüdische Gemeinschaft war dies ein großes Dilemma. Für diejenigen, die sich das Verbleiben des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union wünschten, wurde die Frage des Abstimmens gegen den Brexit von Bedenken hinsichtlich des Antisemitismus in der Labour-Party überschattet, den viele jüdische Briten sehr ernst nahmen. In jüdischen Kreisen war ein Gefühl von Aussichtslosigkeit weit verbreitet. Viele, die entweder den Brexit verhindern oder aus ideologischen Gründen Labour wählen wollten, fühlten sich von den Kandidat_innen nicht repräsentiert. Für mich persönlich war diese Debatte sehr entmutigend. Ich werde die Auswirkungen dieser Entscheidung langfristig erleben, hatte jedoch keine Möglichkeit, meine Meinung auszudrücken oder zu vertreten.

Als Vorsitzende der Jewish Society im King’s College London (King’s JSoc) konnte ich an etlichen derartigen Auseinandersetzungen teilnehmen. Für uns bleibt  es immer wichtig, die Interessen der jüdischen Studierenden zu vertreten und unseren Zusammenhalt nach innen und außen zu bewahren. Ob mit oder ohne Brexit, für die Jewish Society sind laufende jüdische Aktivitäten, auf kulturellem, religiösem, geselligem Gebiet, prioritär und wir gehen nicht davon aus, dass dies ab dem 1. Februar 2020 anders sein wird. Die Unterstützung, die ich zu diesen Themen in jüdischen Einrichtungen wie ELES erhalten habe, hat mir geholfen meine Rolle bestmöglich auszuüben.

Man spricht immer von den Auswirkungen, die der Brexit auf Europa haben wird, oder vom Leben der Europäer_innen in Großbritannien, aber letztendlich wurde mir insbesondere als Studentin in London klar, dass die am schlimmsten Betroffenen hauptsächlich die Briten sein werden. Ich habe großes Glück, wie die Mehrheit europäischer Studierender, den sogenannten „Pre-Settled Status“ zu tragen. Dieser bedeutet, dass ich in einigen Jahren in Großbritannien ein unbefristetes Aufenthaltsrecht haben werde. Mein Vorteil liegt natürlich darin, dass ich jederzeit nach Berlin zurückzukehren und dem Chaos entkommen könnte. Schwierig wird es erst, wenn Studierende Praktika machen wollen. Gleichermaßen könnten sich die Studiengebühren erhöhen und deutschen Schüler_innen so der Zugang zu britischen Universitäten erschwert werden.

Doch noch hat sich keine dieser Annahmen bestätigt. Als Ausländer_innen ist es für uns wichtig, den Brexit nur als temporäre Krise anzusehen und letztlich mit ihm abzuschließen. Dem Anschein nach herrscht in London nach wie vor die Ruhe vor dem Sturm, die Engländer scheinen sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Da die Zukunft für alle Beteiligten ziemlich ungewiss ist, sollten wir versuchen, es den Briten vorerst nachzumachen.“

(C) Foto: Judith Offenberg

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