Als letzter aktiver Schüler der letzten Generation der Lehranstalt der Wissenschaft des Judentums spüre ich die tiefe Verpflichtung zu helfen …,

Nur so wird es gelingen, den Tausenden von Juden, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, eine geistige jüdische Identität zu vermitteln, die ihnen bisher verwehrt war.

Ernst Ludwig Ehrlich (2006)

Ernst Ludwig Ehrlich

Lernen und lehren, das war für den Historiker und Religionswissenschaftler Ernst Ludwig Ehrlich (1921–2007) die Essenz des Judentums. Die Lebensgeschichte des gebürtigen Berliners umfasst die Erfahrung von Verfolgung und Wiederaufbau des europäischen Judentums im 20. Jahrhundert.

Ehrlich war bis 1942 einer der letzten vier Schüler Rabbiner Leo Baecks an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. 1943 gelang ihm die Flucht in die Schweiz, wo er während seines Studiums immer wieder auf finanzielle Hilfe angewiesen war. 1950 promovierte Ehrlich in Bern; ab 1955 nahm der nunmehr Schweizer Bürger Lehraufträge für Judaistik an den Universitäten Frankfurt am Main, Basel und Zürich sowie an der Freien Universität Berlin wahr. 1956 erschien seine „Geschichte der Juden in Deutschland“, 1958 die „Geschichte Israels. Von den Anfängen bis zur Zerstörung des Tempels“, beides wichtige Orientierungshilfen im Nachkriegsdeutschland. 1958 wurde der 37jährige in Berlin mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland ausgezeichnet. 1972 wurde Ehrlich Honorarprofessor für Neuere Jüdische Geschichte an der Universität Bern.

Ernst Ludwig Ehrlich engagierte sich von 1961 bis 1994 als Direktor des Europäischen Distriktes von B’nai B’rith und anschließend als dessen Ehrenvizepräsident stets für die jüdische Gemeinschaft. Als Prediger vertrat er in den 1980er und 1990er Jahren in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ein aufgeklärtes Judentum. 

Daneben hat er die Positionen des Judentums dem Christentum gegenüber herauszustreichen vermocht und war eine kritische Stimme im jüdisch-christlichen Dialog, als Berater von Kardinal Bea bei der Vorbereitung der Konzilserklärung Nostra Aetate ebenso wie als Generalsekretär der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz und im Gesprächskreis ‚Christen und Juden’ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Nach 1989 widmete sich Ehrlich insbesondere der Erneuerung jüdischen Lebens in Mittel- und Osteuropa und dem Aufbau des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam, mit dessen Senatorenwürde er 2001 ausgezeichnet wurde. Eines lag ihm dabei besonders am Herzen: dass „es gelingt, den Tausenden von Juden, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, eine geistige jüdische Identität zu vermitteln, die ihnen bisher verwehrt war.“ Die Universitäten Basel und Luzern und die Freie Universität Berlin verliehen Ehrlich die Ehrendoktorwürde. Sein Lebenswerk im Dienst der jüdischen Gemeinschaft wurde im Juli 2007 mit der Verleihung des Israel-Jacobson-Preises in der Neuen Synagoge zu Berlin gewürdigt. Ernst Ludwig Ehrlich verstarb am 21. Oktober 2007 in Riehen bei Basel.