„Das Temperament der Wörter“ – so das Thema des diesjährigen Sommer-Kunstkollegs in Rheinsberg, das Künstler_innen aller Disziplinen, aber auch Stipendiat_innen anderer Fächer, die mit großer Sprachlust und Neugier teilnahmen, begeistert hat. Unter der Leitung der beiden Stipendiatinnen Ofri Lapid und Marija Petrovic, beide Hochschule für Bildende Kunst Hamburg, sowie der DAGESH-Projektleiterin Eva Lezzi widmete sich das Kolleg Ende Mai der Materialität von Sprache in der Bildenden Kunst, in Videos, Musik, Literatur und Performance. Nicht zuletzt aufgrund der für ELES typischen interkulturellen Zusammensetzung der Teilnehmer_innen entfachte der gemeinsam reflektierte kulturelle Kontext von Worten und Sprachkonzepten eine lebhafte Diskussion – in Deutsch, Russisch, Hebräisch und Englisch. Während des Kunstkollegs erstellten die Teilnehmer_innen gemeinsam ein neues Wörterbuch, das Worte ebenso in ihren komplexen transkulturellen Dimensionen zeigt wie als Baustelle für spielerischen Nonsens und als Inspiration für witzige Illustrationen.
Eingeladene Gäste wie die Radio-Künstlerin Anna Bromley oder der bildende Künstler Arnold Dreyblatt boten Einblicke in ihre Arbeitsweise; der Workshop der Choreographin Modigan Hashemian führte Sprache zurück an die eigene Körperwahrnehmung. Bei der öffentliche Abendveranstaltung zum Lyrikband „Kippbilder“ (Verlagshaus Berlin) von Anna Hetzer (graphisch gestaltet durch Andrea Schmidt) ging es um das intermediale Zusammenspiel von Sprache, Graphik und Bild.
Dr. Peter Böthig, Kooperationspartner und Leiter des Kurt Tucholsky Literaturmuseums Schloss Rheinsberg, zeigte den Stipendiat_innen exklusiv Archivbestände zu Bild-Text-Kollagen in Tucholskys politischen Publikationen. Die Kulturlandschaft Rheinsberg sowie die das Kolleg beherbergende Musikakademie Rheinsberg, die den teilnehmenden Musiker_innen Tag und Nacht Proberäume zur Verfügung stellte, leisteten ebenfalls einen wichtigen Beitrag zum guten Gelingen des Kollegs.

„Wir freuen uns sehr, unsere jahrelange Zusammenarbeit auf dieser Ebene fortsetzen zu können! Die Zukunft der gemeinsamen Arbeit möchten wir an die übergeben, auf die wir zur Gestaltung der Zukunft setzen: die Stipendiatinnen und Stipendiaten“, so Jo Frank, ELES, und Hakan Tosuner, Avicenna-Studienwerk, beim gestrigen Auftakt von Karov-Qareeb.

Zum ersten Workshop trafen sich Stipendiat_innen und Ehemalige aus fünf Begabtenförderungswerken im ELES-Haus. In einer intensiven Brainstormingphase sammelten sie die Themen, die in den nächsten Workshops, bei informellen Treffen, in den Communities, Studienwerken oder Freundeskreisen diskutiert werden sollen. Die Diversität der Themen und Formatvorschläge zeigten, dass der Dialog an vielen Enden angepackt werden soll. Die Teilnehmenden wünschten sich ausdrücklich eine Mischung: zum einen die Weiterbildung durch Expert_innen, um selbst als Multiplikator_innen wirken zu können, zum anderen die Möglichkeit, sich Wissen gemeinsam anzueignen. Gewünscht wird aber auch der Aufbau einer Gruppe, die niedrigschwellig arbeitet und sich darüber austauscht, was die Stipendiat_innen und Ehemalige als jüdische und muslimische Aktivist_innen, Denker_innen, Studierende im Alltag beschäftigt.

Anmeldungen zu Karov-Qareeb sind fortlaufend möglich.

„Sie lebt in Berlin, er in München. Sie ist Jüdin, er Muslim. Dass sie sich überhaupt kennen, verdanken Rachel de Boor und Hani Mosheni den beiden Studienwerken, deren Stipendiaten sie sind bzw. waren. Im gemeinsamen Interview geht es vor allem um eines: Juden und Muslime hierzulande sitzen im gleichen Boot.“ Ursula Rüssmann, Frankfurter Rundschau, berichtet heute über Karov-Qareeb, den neuen jüdisch-muslimischen Thinktank von ELES und Avicenna-Studienwerk und über das ELES-Programm Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch.

Link zum Beitrag hier.

„Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“ – die Hanns-Seidel-Stiftung lädt zur fünften Veranstaltung der werkübergreifenden Reihe „Gesellschaftsvisionen. Gemeinsam für eine offene, pluralistische, demokratische Gesellschaft“.

Diskutiert wird am Donnerstag (11. Juli; 19 Uhr) in Nürnberg: Die Verbreitung von Antisemitismen im Internet erlebt gegenwärtig eine traurige Hochkonjunktur. Die Leiterin der Studie, Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel, wird die zentralen Ergebnisse ihrer Forschungen präsentieren und im Anschluss daran gemeinsam mit uns diskutieren.

Weitere Infos und Anmeldung hier.

Ort: Caritas-Pirckheimer-Haus, Königstraße 64, 90402 Nürnberg

Datum/Zeit: 11. Juli 2019 , ab 19:00 Uhr

An der Veranstaltungsreihe „Gesellschaftsvisionen. Gemeinsam für eine offene, pluralistische, demokratische Gesellschaft“ beteiligen sich: Avicenna-Studienwerk, Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, Friedrich-Ebert-Stiftung, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Hanns-Seidel-Stiftung, Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung und Rosa-Luxemburg-Stiftung.

ELES-Stipendiatin Irina Rubina absolviert ihr Meisterschülerstudium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf im Bereich Animationsregie. Gerade hat sie einen Platz im werkübergreifenden Karriereförderprogramm für Frauen, „Talente sichern – Zukunft gestalten“, erhalten. Wir gratulieren! Wir haben mit Frau Rubina über ihr Meisterschülerprojekt gesprochen und darüber, was das Förderprogramm für sie bedeutet.

Frau Rubina, herzlichen Glückwunsch zur Aufnahme in das Programm „Talente sichern– Zukunft gestalten“. Bevor wir über das Karriereförderprogramm für Frauen der Begabtenförderung sprechen – erzählen Sie uns etwas über Ihr Meisterschülerprojekt?

Vielen Dank! Ursprünglich komme ich aus der abstrakten Animation: Auch in meinem Meisterschülerprojekt – einem freien Animationskurzfilm – versuche ich eine Projektionsfläche zu kreieren, die zwar grob eine Phantasierichtung vorgibt, aber den Zuschauenden auch viel Freiheit und Entscheidungen überlässt. Dieses Projekt ist eine persönliche, assoziative Reise, die Wiederbelebung der tragischen Geschichte des russisch-sowjetisch-jüdischen Dichters Ossip Mandelstam, gemischt mit absurden, defragmentierten, von seine Poesie inspirierten Bildern und Tönen.

Konkreter arbeite ich im Moment daran, Ossips Geschichte in eine Musik- und Sprachtonebene zu übersetzten: Das Leben in einem totalitären Staat, das Nicht-Publizieren-Dürfen, das Auswendig-Lernen und das Weitergeben seiner Gedichte durch Freunde und zwei Verhaftungen. Die letzte hat Mandelstam nicht überlebt. Meine Arbeitsansätze sind hier die akustische Defragmentierung seines frühen Gedichtes „Man gab mir einen Körper …“ und eine rhythmische Musik-Ton-Komposition. Mandelstam ist erst zarte 18 Jahre alt, als er das Gedicht verfasst. Doch man spürt, mit welcher Melancholie er sich schon damals mit dem Existenziellem auseinandersetzt. Und ich entwickele ein Ausstellungskonzept zum selben Thema.

Was an Ossip Mandelstams Gedicht „Man gab mir einen Körper …“ und an der Geschichte des russischen Dichters fesseln Sie so, dass Sie Text und Autor zum Gegenstand Ihrer Arbeit gemacht haben?

Vor einigen Jahren konnte ich im Rahmen meines Animationsstudiums ein Gedicht auswählen, um dieses im Zuge eines kurzen Workshops in visuelle Bilder zu übersetzen. Der Workshop war nach zwei Tagen zu Ende. Das Gedicht von Mandelstam ist mir seither im Kopf geblieben. Immer wieder habe ich es aus den hintersten Ecken meines Gehirns hervorgeholt, aufs Neue damit gespielt und es wieder abgelegt. Und jetzt, bei der nächsten Möglichkeit einen Animationsfilm zu gestalten, sprang mir das Gedicht wieder entgegen und es wollte nicht verschwinden.

Mich reizt und berührt das Geschichtliche an diesem Projekt, die Beziehung zwischen Kunst und einem repressiven Staat, das Kollektiv-Private, die Rolle von Mandelstams kultureller Gemeinschaft, seiner Freunde, seiner Mitstreiter. Und noch abstrakter: grundsätzliche Fragen zu seinen Schaffensprozessen und deren Bedeutung für ihn und für die Welt.

In diesem Projekt leuchtet selbstverständlich meine Herkunft, mein Bezug zu Russland durch. Es war auch mein Vater, der dieses Gedicht immer wieder für mich rezitiert hat…

Sie haben sich um einen Platz in „Talente sichern– Zukunft gestalten“ beworben, einem Kooperationsprojekt von 12 Begabtenförderungswerken. Was erhoffen Sie sich durch die Förderung, die insbesondere ein intensives Mentoring und ein umfangreiches Seminarprogramm vorsieht?

Insbesondere die Idee des persönlichen Mentorings war ausschlaggebend, mich zu bewerben. Das Mentoring bietet die einzigartige Möglichkeit, sich mit einem erfahreneren Menschen, der daran interessiert ist, dich auf deinem beruflichen Weg intensiv zu begleiten und zu unterstützen, intensiv auszutauschen. Das Mentoring ist eine Chance, Zweifel und Fragen zu besprechen und Expertise und Netzwerke zu teilen. Es gibt Erfahrungen und Kenntnisse, die nur übers persönliche Gespräch weitergegeben werden. Umso spannender ist es, wenn dieses Gespräch mit jemandem stattfindet, der einen Teil des von dir angestrebten Weges schon hinter sich hat. Um Zugang zu solchen Einblicken zu bekommen, ist die Beziehung von Mentor_in und Mentee ideal. Auch ein distanzierter Blick von außen kann in manchen Situationen neue, bis dahin unsichtbare Lösungswege aufzeigen.

Für mich als freischaffende Animationsregisseurin und Filmemacherin ist es wichtig, bei diesem Mentoring einen Hauptfokus auf Produktionsfragen, Finanzierungswege und Vernetzung zu legen. Dadurch erhoffe ich, meine individuelle „Landkarte der Wege und Möglichkeiten“ zu erweitern, neue Erkenntnisse für das aktuelle und für zukünftige Projekte zu gewinnen. Und ich freue mich selbstverständlich auch auf eine spannende, inspirierende und persönliche Auseinandersetzung mit meinem Mentor. Das Programm ist eine perfekte Ergänzung zum Austausch über künstlerisch-inhaltliche Fragestellungen mit meinem betreuenden Professor an der Filmuniversität, wobei in meinem Fall produktionstechnische und inhaltliche Fragen stark ineinander greifen und einander beeinflussen.

Das Karriereförderprogramm steht Frauen aller konfessionellen und politischen Werke und den Stipendiat_innen der Studienstiftung des deutschen Volkes offen. Im Rahmen der Seminare werden Sie in intensiven Austausch mit Frauen kommen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen studieren und promovieren. Was erwarten Sie von diesen Begegnungen und dem fachübergreifenden Austausch?

Ich habe zu fast jedem Thema einen Animationsfilm im Kopf. Heute ist es dieses GIF von Libby Vanderploeg, mit dem ich auf die Frage antworten möchte. Es ist wirklich beeindruckend und bereichernd so viele ehrgeizige und ambitionierte Frauen aus vielen Kontexten kennenzulernen, neuen Perspektiven und Themen zu begegnen oder auch mal zu erforschen, wie sich die Schnittmenge unserer Herausforderungen definiert. Diese Art des Perspektivwechsels und das Auftauchen aus der eigenen hermetischen Berufs-Blase bringen nicht nur grundsätzlich frischen Wind in eigene Projekte, sondern sind für mich auch aus der menschlichen Perspektive und wegen seiner sozialen Komponenten spannend.

Das Programm möchte Nachwuchskräfte auf eine Führungsposition vorbereiten. Wie sieht Ihr Traumjob im Bereich Animation aus?

Ja, das stimmt. Wobei die Definition von einer „Führungsposition“ ganz bestimmt für jede von uns etwas anderes bedeutet. Ich komme aus einem Beruf, der in seinem Ursprung ein gewisses Führungshandeln (auch wenn ich dieses Wort ungern in den Mund nehme) schon in sich impliziert: Wenn ich als Regisseurin ein Projekt mit einem kleinen Team realisiere, ist es eine meiner Aufgaben, meine Vision und Motivation an Team, Geldgeber_innen, Förder_innen und andere Beteiligte weiterzugeben, um meine ursprüngliche Idee konkret entstehen zu lassen und zu formen.

In meinem Leben sind Grenzen zwischen der Arbeit und dem Privatem fließend. Das ist Fluch und Segen zugleich: Ein persönlich motiviertes Projekt geht schnell an das Intime und kennt auch keine Wochenenden und Feiertage. Ab und zu dringt es sogar in deine Träume … Für meinen Berufswunsch würde ich ungern das Wort „Job“ benutzen.  Am liebsten wäre mir, weiterhin freischaffend oder in einem eigenen kleinen Studio eine Mischung aus persönlichen Filmprojekten, Auftragsarbeiten und transmedialen Kooperationen mit Bühnen-, Musik – und Tanzproduktionen zu realisieren. Dabei wünsche ich mir die enge Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten kreativen Menschen, um sich gegenseitig zu fordern, zu fördern, zu schockieren, zu bereichern und daran zu wachsen …

Filme von Irina Rubina, u. a. der Animationskurzfilm JAZZ ORGIE, hier auf Vimeo.

Foto: (c) Katharina Waisburd

Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch ist ein Programm des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks. Ziel ist die Etablierung innovativer Formen des interreligiösen und weltanschaulichen Dialogs. Das erfolgreiche Dialogformat richtet sich an Stipendiat_innen aller 13 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Begabtenförderungswerke.

Ab sofort und bis zum 31. Juli 2019 können sich Stipendiat_innen der Begabtenförderungswerke für das neue Programmjahr 2019/2020 bewerben.

Zum Programmjahr:

Die Teilnehmenden werden sich in zwei Seminaren – im September 2019 und März 2020 – mit den Themenschwerpunkten „Religion und Identität“ sowie „Luxemburg – religiöse Vielfalt und gesellschaftspolitische Verantwortung religiöser Gemeinschaften im Zentrum Europas“ auseinanderzusetzen. Zum Abschluss des Programmjahres findet im Juni 2020 eine viertägige Abschluss-Konferenz statt, die maßgeblich von den Teilnehmer_innen mitgestaltet wird. Dort werden die Ergebnisse aus beiden Seminaren zusammengetragen und öffentlich präsentiert.

Die gemeinsame religiöse Praxis während der Seminare ist ein weiterer Schwerpunkt des Programms. Hierbei wird nicht nur die eigene religiöse Praxis gelebt, es werden auch Räume eröffnet, die jeweils anderen Religionen und Weltanschauungen kennenzulernen. Dazu zählt das Erkunden unterschiedlicher G-ttesdienstformen und Gebetspraxen genauso wie das Untersuchen verschiedener Formen der Spiritualität oder das Kennenlernen kulinarischer Traditionen.

Zur Bewerbung:

ELES lädt 40 Stipendiat_innen, die ein möglichst breites Spektrum religiöser und weltanschaulicher Zugehörigkeit mitbringen, ein, sich für den Zeitraum von mindestens einem Jahr gemeinsam den Herausforderungen des interreligiösen und weltanschaulichen Dialogs zu stellen. Die Einladung zur Bewerbung richtet sich an Stipendiat_innen aller Begabtenförderungswerke, sowohl an Studierende als auch an Promovierende. Sie sollten sich zu Beginn des Programmjahres 2019/20 im Oktober 2019 noch für mindestens 12 Monate in der Förderung befinden. Promovierende, deren Forschungsschwerpunkte mit Fragestellungen des Programms verbunden sind, werden ausdrücklich eingeladen, sich zu bewerben. Eine wichtige Voraussetzung für eine Bewerbung an unserem Programm ist die verbindliche Teilnahme am gesamten Seminarprogramm zwei Seminaren und der Abschlusskonferenz. Bitte prüfen Sie daher vorab sorgfältig die vorgesehenen Termine. Teilnahmebescheinigungen zur Vorlage bei Ihrer Universität können von uns ausgestellt werden.

Die Ausschreibung finden Sie hier.

Ralf Balke berichtet in der Jüdischen Allgemeinen über den ersten DAGESH-Kunstpreis und die Arbeit von DAGESH. Kunstlab ELES: „Die Diskurse aktiv mitzugestalten und das Jüdische darin nicht nur sichtbar, sondern auch erfahrbar zu machen – genau das betrachten die Verantwortlichen von DAGESH, dem Kunstprogramm des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, als ihre Aufgabe.“ „Open, Closed, Open“, die ausgezeichnete Installation von Liat Grayver, Yair Kira und Amir Shpilman, wird noch bis zum 11. August 2019 im Jüdisches Museum Berlin gezeigt.

Der DAGESH Kunstpreis wird vom Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk und dem Jüdischen Museum Berlin verliehen. Der vom Freundeskreis des Jüdischen Museums gestiftete Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

 

Die Dialogperspektiven luden am 17. Juni 2019 zu einer Abendveranstaltung in die Villa Elisabeth, Berlin. Bischof Dr. Markus Dröge, Bischof der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka, Direktor von Abraham Geiger Kolleg und Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, und zukünftige Verantwortungsträger_innen verschiedener religiöser Zugehörigkeiten diskutierten über „Zusammenleben. Religionsgemeinschaften in europäischen Gesellschaften – Pflichten, Rechte, Privilegien, Verantwortung. Jo Frank, Geschäftsführer von ELES, moderierte das Gespräch.

Rabbiner Walter Homolka und Bischof Markus Dröge sind seit langem entscheidende Akteure interreligiöser Dialog-Arbeit. Ihre Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte, vornehmlich im jüdisch-christlichen Dialog, wurden durch drei weitere Perspektiven auf aktuelle Herausforderungen, Rahmenbedingungen und Anforderungen interreligiöser und weltanschaulicher Dialogarbeit in Europa ergänzt: Iman Al Nassre, Projektmitarbeiterin der Dialogperspektiven und Stipendiatin der Studienstiftung, Neta-Paulina Wagner, Teilnehmerin der Dialogperspektiven und ELES-Stipendiatin sowie Sabine Papies, Studierende des Master-Studiengangs „Religion and Culture“, engagieren sich in verschiedenen Kontexten in dem Bereich und brachten dabei ganz unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven in die Diskussion.

Diskutiert wurden u. a. folgende Fragen: Wer spricht aus einer Minderheitenperspektive – und wer aus der der Mehrheit? Was bedeutet es, als Teil einer religiösen Minderheit in Deutschland zu leben? Wie lebt es sich als religiöser Mensch in mehrheitlich säkularen Kontexten und ist das vielleicht sogar das verbindende interreligiöse Moment? Erfüllt der Staat seine Aufgaben zum Schutz religiöser Minderheiten in ausreichendem Maße? Welche Rolle können und sollen Religionen in einer offenen, pluralen Gesellschaft der Vielen spielen und wie steht es um Fragen von Dominanz und Hierarchie?

Vom 20. bis 23. Juni 2019 fand in Berlin die DialogperspektivenKonferenz statt, mit der der Abschluss des vierten Programmjahres begangen wurde. Rund 40 Teilnehmer_innen arbeiteten vier Tage lang intensiv miteinander. Sie knüpften an begonnene Diskussionen und offene Fragen an, nahmen lose Enden vorangegangener Begegnungen auf, teilten religiöse Praxis, lernten Ehemalige des Programms kennen und diskutierten im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung mit Mely Kiyak.

Im Zentrum  der gemeinsamen Arbeit standen Reflexionen zum Frühjahrsseminar in Israel, moderiert durch Marina Chernivsky, Leiterin des Kompetenzzentrums Prävention und Empowerment der ZWST, multiperspektivische Auseinandersetzungen mit dem Themenfeld „Religion und Gender“, u. a. mit einem Impulsvortrag der Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus und ein gemeinsames Erarbeiten von Regeln, Leitlinien und Rahmenbedingungen für die gemeinsame Arbeit bei den Dialogperspektiven auf den Grundlagen der Erfahrungen des Seminarprogramms.

Das islamische Freitagsgebet, eine gemeinsame Shabbatfeier, ein Besuch des Sonntagsgottesdienstes in der St. Marienkirche, Impulse und Shiurim zur islamischen Pilgerfahrt, zum Opferfest und zum aktuellen Wochenabschnitt der Thora bestimmten die religiöse Praxis während der Konferenztage.

Der öffentliche Abschluss am Abend des 22. Juni 2019 im Umweltforum war der Höhepunkt der Konferenz. „Wer redet, wenn ‚die Minderheit‘ spricht?“ – über diese Frage diskutierte die politische Kolumnistin Mely Kiyak mit den Programm-Teilnehmerinnen Yasemin Akkoyun, Nour al-Huda Schröter und Neta-Paulina Wagner. Jo Frank, Geschäftsführer von ELES, moderierte die Podiumsdiskussion. Im Zentrum des Gesprächs standen Erfahrungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede diverser Minderheitenperspektiven, Innen- und Außenansichten, Möglichkeiten des politischen Aktivismus gegen rechts und für eine offene pluralistische Gesellschaft.

Die Dialogperspektiven beteiligten sich auf Einladung des Auswärtigen Amtes an der Langen Nacht der Ideen zum Thema „Idee und Ideal-Europa“. Im Kirchenschiff der St. Marienkirche in Berlin-Mitte luden Sieben Stationen der Vielfalt zur interaktiven und partizipativen Auseinandersetzung mit Religionen und Weltanschauungen ein. Themen der Stationen waren u. a. „Wessen Abendland? Vielfaltsverteidigung in Deutschland und Europa“, „Und die Frau ist um des Mannes willen geschaffen – Geschlechtergerechtigkeiten?“ oder „Facts oder Fake News: Religiöse und weltanschauliche Positionen im Kampf um ‚die Wahrheit‘“.

Eine Teilnehmerin berichtet:

„Die letzten Klänge der Orgel hallen noch durch den Raum, als wir am Nachmittag des 6. Juni 2019 die St. Marienkirche in Berlin-Mitte betreten. Für diesen Abend wird die Kirche Schauplatz des interreligiösen und weltanschaulichen Dialogs, der gesellschaftlichen Vielfalt und der Diskurse um das Zusammenspiel von Religion und Politik sein. Die Dialogperspektiven beteiligten sich an der Langen Nacht der Ideen des Auswärtigen Amtes, welche zum Ziel hat, die Bandbreite der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik abzubilden. Dass die religiöse und gesellschaftliche Vielfalt im Rahmen einer großen Veranstaltung als wichtiges Element der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik präsentiert wird, ist ein deutliches Zeichen für die enorme Relevanz des Themas. Für die Dialogperspektiven ist die Konzipierung einer eigenen Veranstaltung im Rahmen der Langen Nacht eine wichtige Möglichkeit unsere Positionen und die Positionen der Teilnehmenden darzustellen und für eine plurale und offene, europäische Gesellschaft einzutreten. Nicht zuletzt im Jahr der Europawahl, in der Parteien auf dem Vormarsch sind, welche die freie Gesellschaft in Gefahr bringen, die eine vielfältige Gesellschaft negieren, und bereits marginalisierte Gruppen noch weiter ins Abseits drängen wollen.

Mit Sieben Stationen Vielfalt: Religionen und Weltanschauungen im Gespräch betrachteten wir an sieben Stationen in Form von multimedialen und interdisziplinären Präsentationen Fragen, die in der Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen entstehen, und zeigten das Potential für positive Veränderung auf, das aus der religiösen und weltanschaulichen Pluralität der europäischen Gesellschaft erwächst. Dazu haben ehemalige und aktuell Teilnehmende Stationen gestaltet, die eng mit tages- und gesellschaftspolitisch relevanten Thematiken verbunden waren und durch ihre teils provokanten Titel zur Diskussion mit den Besucher_innen anregen sollen. Die Gestaltung der Stationen war explizit darauf ausgelegt nicht nur Diskurse abzubilden, sondern die Besucher_innen auch aktiv zur Partizipation an diesen einzuladen und mit ihnen in Diskussionen zu kommen.“

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