Meet your Mentor – Folge 1

Hier finden Sie den ersten Beitrag unserer Miniserie „Meet your Mentor“. Wir stellen ELES- Mentorinnen und Mentoren vor und geben Einblicke in ihre Forschung, ihre Erfahrungen und ihren persönlichen Werdegang. Wir starten unsere Reihe mit einem Team aus Mentorin und Mentee.

 

  • Meet PD. Irina Jarvers (Mentorin) und Tal Josef Tamir (Mentee)

    Heute treffen wir auf eine Wissenschaftlerin, deren Forschung genau dort ansetzt, wo viele psychische Erkrankungen ihren Ursprung haben: bei unseren Gefühlen. Irina Jarvers hat in klinischen kognitiven Neurowissenschaften habilitiert, ist Privatdozentin an der Universität Regensburg und forscht an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit den Ursachen psychischer Erkrankungen, deren Früherkennung und der Frage, wie emotionale und soziale Erfahrungen unsere mentale Gesundheit beeinflussen. Mit mehr als 50 wissenschaftlichen Publikationen zählt sie zu den etablierten Forschenden auf diesem Gebiet.

    Eine ihrer jüngsten Studien entstand gemeinsam mit ihrem ELES-Mentee, dem heute approbierten Psychologen Tal Josef Tamir. Gemeinsam untersuchten sie, wie sich wahrgenommener Antisemitismus auf die psychische Gesundheit jüdischer Studierender in Deutschland auswirkt, ein Thema, das aktuell besondere gesellschaftliche Relevanz besitzt.

    Wir sprechen darüber, wie sich die beiden kennengelernt haben, wie sich aus ihrer Mentor-Mentee-Beziehung eine wissenschaftliche Zusammenarbeit entwickelt hat und welche Chancen Mentoring für den wissenschaftlichen Nachwuchs eröffnen kann. Außerdem werfen wir einen Blick auf die zentralen Erkenntnisse ihrer gemeinsamen Studie „Perceived Antisemitism and the Mental Health of Jewish University Students in Germany: A Quantitative Comparative Study“ und diskutieren, welche Rückschlüsse sich daraus auf das Leben als jüdischer Studierender in Deutschland ergeben.

    Das Interview führten Snezana Kocijancic (ELES-Online Kommunikation) und Henry Werk, ELES-Stipendiat aus der Promovierendenförderung.

ELES

Zu unserem Thema der Mentoring Paarungen im Studienwerk ELES begrüßen wir Irina Jarvers (Mentorin) und Tal Tamir (Stipendiat). Willkommen und Gratulation zu eurer gemeinsamen Forschungsarbeit: Perceived antisemitism and the mental health of Jewish university students in Germany. Quantitative Comparative Study. Ihr habt sie kürzlich veröffentlicht in dem Fachmedium der Medizinforschung BMC Public Health. Das ist ein großartiger Erfolg für euch beide gemeinsam, aber auch für ELES als Studienwerk, dass diese beispielhafte Kooperation entstanden ist, im Team Mentor und Mentee. Diese gemeinschaftliche Forschungsarbeit, die ihr vorgelegt habt, hat uns auf den Gedanken gebracht, euch dazu interviewen und zu hören, wie ihr innerhalb des ELES-Studienwerks als Mentorin und Mentee miteinander in Verbindung gekommen seid. Nun zur ersten Frage, die an euch beide gerichtet ist. ELES Begabtenförderung zielt ja nicht per se auf das Akademische. Für uns ist die Verbindung in unserer Community sehr wichtig so dass die (Anm.: stipendiatische) akademische Entwicklung damit einhergeht. Wie habt ihr denn zueinander gefunden im ELES Netzwerk als Mentoring-Tandem? Hast du Tal mit einem speziellen Anliegen Irina Jarvers kontaktiert?

Irina Jarvers

Vielleicht erst mal kurz von meiner Seite, weil ich glaube, das war noch bevor es diese Umstellung gab. Das heißt, Tal ist tatsächlich schon relativ lange mein Mentee, das heißt, das war noch zu der Zeit, wo man Leute zugeteilt bekommen hat. Ich hab einfach ’ne Liste bekommen mit hey, das sind deine Leute: tauscht euch mal aus. Dann haben wir einfach ein Treffen vereinbart und haben uns kennengelernt und geschaut, ob es passt.

ELES

Und hat es gepasst, Tal? In welcher Phase des Studiums war das dann?

Tal Josef Tamir

Ich war damals im zweiten Semester vom Master und Irina schlug vor, ein Kennenlerngespräch zu machen. Ich glaube schon beim Kennenlerngespräch, das war kein langes Gespräch, habe ich schnell verstanden, dass ich totales Glück hab: dass ich so eine Vertrauensdozentin oder Mentorin habe, mit der ich mich so gut verstehe. Der nächste Kontakt kam, da war ich in meinem Praktikum. Und dann hat Irina nach dem 7. Oktober eine Nachricht geschrieben. Das war, ich glaub so ein, zwei Wochen nach dem Terroranschlag. Sie hat eine Nachricht geschrieben und hat gefragt, ob es Redebedarf aufgrund der Situation gibt. Was ich damals natürlich ein sehr tolles Angebot gefunden habe und meinte, dass wir das sehr gern machen können. Ich glaube, da haben wir uns sogar abends getroffen. Damals war ich noch im Praktikum und das war der zweite Kontakt. Ich würde sagen, danach hatte ich schon das Gefühl, dass Vertrauen da ist. Ich glaube später kam noch die Idee, dass wir auch sehr gut zusammenarbeiten, aber da war erst das Entlastungsgespräch. Vielleicht weißt du das noch besser, du hast das initiiert.

Irina

Genau, ich hab mir das gedacht, weil ich gemerkt hab, dass sehr viel Belastung da war damals, das war sehr offensichtlich und ich arbeite ja im psychotherapeutischen Bereich. Da kriegt man das ein bisschen mit. Da hatte ich mehreren Leuten – zumindest allen meinen Mentees -geschrieben, ob es Gesprächsbedarf gibt. Du warst tatsächlich der Einzige, der geantwortet hat und gesagt hat, ja, wäre nett. Ich erinnere mich, es war sehr offen, das war einfach Austausch, wie es einem damit geht, dass man ein bisschen nicht alleine ist, dass man nicht in so ein Angstgefühl verfällt. Was sehr automatisch passieren kann. Und ich hatte da auch das Gefühl, dass du das alles sehr gut durchblickt hast. Also du hattest ein sehr klares Verständnis davon, was mit dir vorgeht, auch was mit deinen Freunden vorgeht und das fand ich sehr beeindruckend.

Tal

Danke.

Henry Werk

Also könnte man sagen, dass eure Beziehung auf einer zwischenmenschlichen Ebene begonnen hat und gar nicht so stark auf einer akademischen und sich dann entwickelt hat? Wie würdet ihr das beschreiben?

Irina

Ich denke schon, weil danach haben wir uns ja auch mal persönlich in Berlin getroffen, als ich zufällig da war oder mal ’n Kaffee getrunken.

Tal

Ja, das stimmt. Genau diese Belastung habe ich selber erlebt und auch meine Freunde und natürlich hat ein Entlastungsgespräch bei mir sehr gut gepasst. Es hat auch gezeigt, wie belastet alle sind. Und als wir zu diesem Thema (Anm.: der Forschungsarbeit) kamen, dann war es für mich irgendwie natürlich mit Irina. Sie lehrt ja nicht an meiner Uni und trotzdem hatte ich die Idee, wenn das um dieses Thema geht, dass sie eine Vertrauensperson ist, die viel Wissen dazu hat. Daher kam die Idee so mit Irina zu arbeiten, als jemand, die aufgrund ihrer Identität Zusammenhänge besser verstehen kann. Also dieses Gespräch, das war sowas wie der Samen, aus dem es dazu (Anm.: zur Forschungsarbeit) gekommen ist.

Irinas und Tals "How to mentoring"

  • Startet mit dem persönliche Kontakt. Schaut, ob es einen Verbindung zueinander gibt.
  • Anfangen kann man erstmal mehr mit dem „drumrum“: Mentor*innen helfen, sich im akademischen Umfeld zurechtzufinden und richtige Entscheidungen zu treffen, die vielleicht auch auf den richtigen Karriereweg einschwenken.
  • Mentor*innen können auch angesprochen werden, wenn es nur um eine Einzelfrage geht.
  • Mentoring macht Gesprächsangebote über den Freundeskreis hinaus – auch an anderen Orten als dem eigenen Wohnort.
  • Trau dich.

ELES

Also du sagst, dass anknüpfend an dieses harte Thema, die nächsten Schritte organisch zu dem Thema der Publikation geführt haben. Zu Belastungen zu forschen, die im Hochschulumfeld auftreten können.

Tal

Ja genau, da war ich in der Phase, zur Masterarbeit ein Thema auszusuchen und für mich war dieses Thema sehr präsent, aus Gesprächen mit anderen Leuten, auch mit Stipendiat*innen. Ich war auch auf einem Seminar von ELES einige Monate nach dem 7. Oktober. Da war es sehr zu bemerken, auch bei israelischen Freunden, die auch studieren und in Berlin wohnen. Es ergab sich so ein bisschen aus der der Not, kann man fast sagen.

Irina

Und ich glaube unsere Gespräche waren auch immer so ’n bisschen zukunftsorientiert. Du warst immer so: „…oh, was soll ich am besten machen, sollte ich eher das machen oder eher das machen, wo sollte ich für ’n Praktikum hin, wie kriege ich ’n Praktikumsplatz?“ Das weiß ich noch, das haben wir viel diskutiert. Wo du meinst: “Ich hab schon so viele Leute angeschrieben, aber keine Antwort bekommen.“ Das war eher so, wie es in ’ner Mentor und Mentee Beziehung eigentlich sein soll: eher dieses Drumrum, zu helfen, sich im akademischen Umfeld zurechtzufinden und richtige Entscheidungen zu treffen und vielleicht auch den richtigen Karriereweg einzuschlagen. Je nachdem, welche Karriere man denn wählen möchte.

Henry

Apropos Karriereweg und akademische Laufbahn. Ich würde gerne auf das Paper eingehen, das ihr geschrieben habt. Ich habe es natürlich durchgescannt und versucht, mir die wichtigsten Fakten mitzunehmen – ein unheimlich interessantes Thema! Das möchte ich jeder*m auf jeden Fall sehr ans Herzen legen. Dazu dachte ich, ich frag Euch Sachen, die vielleicht auch für die anderen ELES-Stipendiat*innen Takeaways sein könnten. An Ressourcen beschreibt ihr viel, was man sich nehmen kann, was die Uni machen sollte und was jemandem helfen könnte, in so einem bedrohlichen Umfeld, wie es eben einige Universitäten nach dem 7. Oktober waren, zu navigieren. Hattet ihr auch Impulse, wie man sich persönlich oder mit seinem Umfeld Ressourcen verschaffen kann und wie man aus eigener Kraft mit dieser bedrohlichen oder schwierigen Situation – falls man sie so empfindet – umgehen kann?

Irina

Da würde ich zuerst antworten. Ich kann gerne anfangen, wenn du magst, Tal.

Tal

Ja, gerne.

Irina

Ja, wir hatten da einen Faktor, der protektiv war in der Studie. Und das war Selbstwert. Selbstwert ist immer ein protektiver Faktor und kann sich natürlich aus vielen Dingen aufbauen. Eins davon ist ein Community Gefühl, ein Zugehörigkeitsgefühl. Ich weiß, wo ich hingehöre, ich weiß, dass die Leute mich dort wertschätzen. So dass man sich dann im Selbstwert nicht angegriffen fühlt, wenn dieser stark genug ist. Wenn man natürlich die ganze Zeit niedergemacht wird – das ist das, was Tal mit Minority Stress argumentiert hat – also wenn ich Teil einer Minderheit bin und sehr viel Belastung ausgesetzt bin, wirkt sich das darauf aus, wie wichtig oder relevant ich mich empfinde. Wenn mir dauernd Leute sagen, dass ich nutzlos bin und gar nicht existieren sollte, natürlich kann es sein, dass ich diese Gedanken übernehme.

Wenn ich aber ein relativ starkes Community-Gefühl habe, einen Ort, wo ich hingehöre und mich da gut aufgehoben fühle, dann wird das nicht so einen starken Effekt auf mich haben, als wenn ich mich extrem allein gelassen fühle. Ich denke, da spielen die (Anm.: jüdischen) Organisationen, die wir haben, eine relativ große Rolle.  Die sagen: „Hey, wir haben alle ein sehr ähnliches Gefühl.“ Vielleicht war es auch das, was du selber empfunden hast, Tal, in diesen Gesprächen: „Ah, es geht super vielen Leuten so, das ist etwas, was man gemeinsam hat.“ Man kann gemeinsam darin auch eine Stärke finden und sagen: „Wie gehst du damit um, kann ich das vielleicht übernehmen?“ Darüber reden, sich bestimmte positive Dinge einplanen, die man macht, vielleicht auch gemeinsam. All das sind Dinge, die solchen Ängsten und auch einer depressiven Verstimmung entgegenwirken.

Tal

Ja, vielen Dank. Ich möchte dazu sagen, ich hatte auch Safer Spaces im Kopf. Wie Irina meinte, Organisationen wie ELES oder auch OFEK oder der J. S. U. D. Viele Organisationen haben das. So ein Impuls wie dieses Schreiben von Irena an mich ist auch so eine Art Safer Space. Räume zu schaffen, wo Leute sich treffen, die betroffen sind und wo sie mit anderen Betroffenen sprechen in offenem safem Raum.

Das war, glaube ich, was viele gemacht haben und immer noch machen. Und Selbstwert, das ist ein interessanter Faktor, weil der auch langfristig ist. Das haben wir auch im Artikel beschrieben. So wie wir es verstanden haben, oder auch laut der Forschung, ist Identität auch ein protektiver Faktor: dass man Teil einer Community ist. Gleichzeitig macht es auch zum Angriff bereit, für die Identität. Das hat mehrere Facetten. Community, genauso wie Irina schon gesagt hat, kann einem Geborgenheit geben, was, glaube ich, in solchen Zeiten als Krisenintervention sehr, sehr hilfreich ist.

Henry

Das ist ein schöner Impuls und gerade, dass die jüdische Community als Rückzugsort oder als Safe Space agieren kann. Ich denke, es hängt sehr viel davon ab, wo man ist. In einem kleinen Studienort hat man dann einfach eine limitierte Anzahl an Menschen. Aber umso größer die Uni ist, umso größer die Community wird, so würde ich vermuten, umso mehr kann man potentiell an Ressourcen aktivieren.

Irina

Ich denke auch, das sollte man den Studierenden mitgeben. Wenn Gesprächsbedarf da ist oder man sich belastet fühlt, hat man immer die Möglichkeit, auch über den eigenen Freundeskreis hinauszugehen und Angebote zu nutzen, die vielleicht in anderen Städten angesiedelt sind. Ich bin in Bayern, wir haben relativ kleine Communitys, besonders im Vergleich zu Berlin. Das war auch einer der Gründe, dass ich geschrieben hab: weil man nicht weiß, wen haben denn die Leute eigentlich da, was für ein Umfeld ist da. Das heißt wenn man sich auch ein bisschen traut.

Henry

Das ist eine tolle Ebene! Es ist etwas Schönes, dass man in der Mentee-Mentor Beziehung so eine Ebene etablieren kann und nicht so ortsgebunden ist.  Sich mit jemandem verbunden fühlen kann, der vielleicht gar nicht physisch Teil der Community vor Ort ist, sondern am anderen Ende von Deutschland.

ELES

Sehr schön, dass wir so viel gehört haben von euch zu dem Community Aspekt von ELES und wie sehr dies für die Selbstwahrnehmung, für die Selbstwirksamkeit für das Selbstversichern wirkt. Zugleich gibt es den akademischen Aspekt, der in eurer Forschungsarbeit starken Ausdruck gefunden hat. Magst du noch ein bisschen dazu vertiefen, Irina, wie du die Entwicklung von Tals akademischer Expertise noch weiter gefördert hast?

ELES Community

  • ELES Mentor*innen sind Teil der ELES-Community, repräsentieren sie.
  • Im Kontakt zum Mentor, kann ein Community Gefühl wachsen. Ein Zugehörigkeitsgefühl zu Leuten, die mich wertschätzen.
  • Aus dem Kontakt erwächst eine stetige Versicherung des Selbstwertes der Stipendiat*innen.
  • Das bewirkt, dass man sich im Selbstwert weniger angegriffen fühlt, wenn es zu Herausforderungen kommt.
  • Selbstwert ist ein protektiver Faktor und kann sich aus vielen Dingen aufbauen. Eins davon ist ein Community Gefühl, ein Zugehörigkeitsgefühl.
  • Mentoring kann ein Safer Space für Stipendiat*innen sein.

Irina

Klar, gerne. Zum einen muss man sagen, Tal hatte schon sehr viele Fähigkeiten, als er als Masterstudent auf mich zugekommen ist. Er hatte ja gefragt: „Irina, ich hätte diese Idee, wärst du bereit, die zu betreuen?“ Ich war erstmal ein bisschen verunsichert, weil ich mitten in der Habilitation war. Ich wusste also noch nicht, ob ich die überhaupt bewerten darf, durfte ich aber.

Das heißt, das war es, was mir ermöglicht hat, tatsächlich zu bewerten und zu unterstützen und nicht nur begleitend tätig zu sein. Vor der Habilitation ist man meist eher begleitend tätig. Ich glaube, was Tal besonders geholfen hat, war, dass ich ihm die Zeit gegeben hab, die er gebraucht hat. Meistens hab ich gesagt: „Tal, was sind denn die nächsten Schritte, die wir machen wollen?“ Die haben wir zusammen durchgeplant und dann hat er sich die Zeit genommen, die er gebraucht hat, um das zu machen. Dabei konnte er jederzeit auf mich zukommen, wenn er Hilfe gebraucht hat. Ich hab also nicht gesagt: „Bis zum bis Dienstag, den 12. Februar, musst du das und das abgeliefert haben.“ Es war einfach das und das der Plan, das machen wir jetzt, wenn du irgendwo im Prozess Schwierigkeiten hast, komm auf mich zu, wir schauen, wie wir die lösen. Ansonsten schauen wir, wie es weitergeht, wenn wir den ersten Schritt haben.

Zudem habe ich auch kein Problem damit, Dinge mehrmals zu lesen. Das ist auch etwas, was ich wichtig finde, sonst hat man immer diese Angst: „Ich darf es einmal schicken und einmal wird es korrigiert.“ Dadurch hat man die ganze Zeit diesen Perfektionismusanspruch und denkt, es ist nie gut genu. Man arbeitet die ganze Zeit dran und arbeitet und kocht gewissermaßen in seiner eigenen Suppe. Wenn man sich dann traut, es zu schicken, kriegt man nur einmal Feedback, aber daraus lernt man eher so semi. Danach weiß man ja nie, hat man das Feedback umgesetzt oder gut genug umgesetzt. Ich bin tatsächlich ein großer Fan von einem iterativen Prozess. So hat Tal erst mal ’ne Intro geschrieben, wir haben an der Intro hin und her gearbeitet, geschaut, was wollen wir anpassen, passt das? Dann den nächsten Teil, dann haben wir das angebracht. Es kann auch sein, dass wir am Ende noch mal in die Intro gegangen sind, weil wir gemerkt haben, das passt nicht mehr gut zusammen, vielleicht müssen wir noch was einbauen. Das heißt, es war sehr iterativ, auch sehr interaktiv dadurch. Sodass man an jedem Punkt Feedback hat und auch sieht, ist es gut umgesetzt worden oder nicht: „Verstehe ich jetzt, was i die Art und Weise ist, es zu machen?“ Das dauert lange, ne Tal?

Tal

Ja, genauso wie du beschreibst, habe ich eine Premium Betreuung bekommen. Ich wusste auch, dass das nicht der Normalfall ist. Ich hab das sehr geschätzt und schätze es immer noch. Ich habe in jedem Schritt Irinas Feedback bekommen, sehr schnell mit viele Korrekturen. So hat Irina mich auf die Art, wie wir gearbeitet haben, ohne dass ich das wusste, schon auf Arbeit mit Zeitschriften vorbereitet. Als wir mit der amerikanischen Zeitschrift gearbeitet haben, war es für mich keine Überraschung. Ich kannte diese Arbeitsweise von Irina, also wie sie mit mir gearbeitet hat. Natürlich war es jetzt auf Englisch und der Moment der Wahrheit so zu sagen, aber ich war schon vorbereitet, sehr gut vorbereitet.

Mentoring und Akademische Entwicklung

  • Mentees bekommen Feedback zu ihren Arbeitsdokumenten, man kocht nicht bis zur Abgabe im eigenen Saft.
  • Wenn Hilfe gebraucht wird, ist der Mentor / die Mentorin ansprechbar.
  • Mentor*innen haben den Erfahrungshorizont, aus dem sie entscheidende Impulse geben können, die ermutigend sind – zum Beispiel zu publizieren.
  • Potentiale von Mentees können durch akademische Impulse gezielt entwickelt werden.
  • Kontakte und das Netzwerk von Mentor*innen sind zugunsten von Mentees ansprechbar.

Henry

Und wie würdest du deinen Werdegang als Nachwuchswissenschaftler im Kontext von diesem Mentoringprogramm einordnen? Würdest du sagen, dass es geholfen ha? Eher auf einer persönlichen, eher auf einer akademischen Ebene, beides?

Tal

Ja, auf jeden Fall beides. Also ich kann sagen, dass es wahrscheinlich eine ganz andere Masterarbeit geworden wäre und dass ich wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen wäre, zu publizieren. Also ich wusste schon, es ist wichtig, das war schon klar, dass das Thema aktuell und relevant ist. Aber hätte Irina mich nicht so unterstützt und dazu ermutigt das zu machen, dann wäre ich wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen.

Das begann während der Masterarbeit, schon als wir bei der Stichprobe waren. Ich dachte, das ist wahrscheinlich genug, aber dann kam der Impuls von Irina: „Wenn wir das publizieren wollen, und das wollen wir auch tun, dann muss die Stichprobe grösser sein.“ Und am Ende hatten wir 320  Teilnehmende, davon gesamt 151 jüdische Studierende. Das war viel. Man muss viel Werbung machen davor, jetzt im Nachhinein freu ich mich voll. Die Arbeit ist eine ganz andere Masterarbeit geworden, weil das ein anderes Ziel hatte. Ich hab es auch bei meinen Kommilitoninnen so mitbekommen, dass sie andere Ansprüche hatten und ich freu mich so im Nachhinein. Das hat bei mir ein bisschen länger gedauert, als ich geplant hab, ja. Aber ich bin sehr dankbar dafür. Auch vor der Zusammenarbeit haben wir uns schon zum Kaffee getroffen, als Irina mal in Berlin war. Es war sehr schön und ich freu mich so weiter zu arbeiten.

Irina

Ich hoffe immer noch, dass wir Tal für die Forschung gewinnen. Mal schauen, ob du mehr in der Forschung machst, noch ein bisschen publizieren und andere Fragestellungen untersuchen.

Mentoring-Beispiel: die gemeinsame Forschungsarbeit von Irina und Tal

  • Die Anregung zum Thema von Tals Masterarbeit ergab sich organisch aus dem Entlastungsgespräch zwischen Tal und Irina.
  • Irina stimmte auf Tals Anfrage zu, die Masterarbeit zu betreuen.
  • Impuls von Irina, eine grössere Stichprobe für die Forschungsarbeit aufzubauen. Es wurden 320  Teilnehmende, davon 151 jüdische Studierende.
  • Das Abfassen der Arbeit war iterativ. Einzelne Kapitel gingen mehrfach in Feedbackschleifen hin und her.
  • Irina gab den Impuls zur Veröffentlichung der Forschungsarbeit.

Henry

Es ist wirklich schön, was du beschreibst. Diese Fördererrolle, dass man vielleicht gar nicht von sich aus auf die Idee gekommen wäre: „Ich veröffentliche das jetzt…“ Durch dieses Mentoringprogramm wird man ein bisschen gepusht. Dann wird vielleicht auch eröffnet wozu man das Potenzial hat, von jemandem aus einer Position der das eben schon durchgemacht hat.

Beim akademischen Werdegang bleibend an Irina gerichtet eine Frage. Ich habe in deinem sehr sehr beeindruckten akademischen Portfolio – Irina hat über 50 Veröffentlichungen – unter anderem gesehen, dass du während eines PhDs für zwei Monate in Harvard warst für ein Forschungsprojekt. Ich denke, dass gerade viele der ELES Stipendiaten, die eine akademische Karriere anstreben, das unheimlich interessant finden, bei diesen großen Ivy League Innovationstreibern irgendwie ein Stipendium, ein Internship zu machen. Dazu wollte ich fragen: würdest du das empfehlen und zweitens wie würdest du den Stipendiat*innen empfehlen, da ranzugehen? Sich so ein Internship sichern zu können. Hättest du Tipps?

Irina

Also zum einen würde ich jedem einen Auslandsaufenthalt empfehlen, egal wie lange. Ich finde, das ist optimal, weil das ein den Horizont erweitert. Man bekommt das Gefühl dafür, wie es an anderen Universitäten ist, was da erwartet wird. Während meines Studiums war ich auch schon im Ausland, in England und war dann tatsächlich schockiert, wie ganz anders die Universität abläuft. Vorlesungen sind nur 50 Minuten lang und den Rest der Zeit sitzen Studierende in Bibliotheken und lernen alles selber. Ich war total überrascht, weil das uns das ganz anders läuft, interaktiver et cetera.

Das war sehr hilfreich zu sehen, dass es auch anders laufen kann, auch mit anderen Systemen zurechtzukommen. Im Rahmen des Doktors – dieser Auslandsaufenthalt war tatsächlich eher Zufall, würde ich sagen. Vieles läuft über Bekanntschaften der Betreuung, die du hast. Das heißt: „Ich kenn da jemanden, der macht was Ähnliches, vielleicht kannst du da mal für zwei Monate hin. Lohnt sich bestimmt.“ Und natürlich ist es schön, wenn es ’ne Ivy League ist, sieht schön aus auf dem Lebenslauf, da freut man sich immer. Ist aber auch nicht schlimm, wenn es das nicht ist, wenn es andere Kontakte sind. Jede Art von Auslandsaufenthalt sieht gut aus.

Wenn man in die Forschung gehen will, ist es etwas, wonach immer geschaut wird. Kann die Person sich im Ausland bewähren, kann die Person zeigen, dass sie Kontakte aufbauen kann, Netzwerke aufbauen kann et cetera. Das ist etwas, was sehr wichtig ist. Mittlerweile ist es so, dass ich genau das selber mache. Das heißt, ich schau, was sind meine Kontakte, wo kann ich jemanden hinschicken, was fachlich passt. Zum Beispiel: ich werd wahrscheinlich nächstes Jahr nach Stanford gehen, weil ich guten Kontakt über James Gross hab, der Psychologieprofessor dort ist in der Emotionsregulationsforschung. Über solche Kontakte – man wünscht sich ja auch immer Kollaborationsprojekte – kommt jemand und erhebt Daten in den USA. Die kann man abgleichen et cetera. Also all diese Dinge.

Manchmal reicht eine E-Mail. Das heißt, wenn man sein eigenes Geld mitbringt und mit einem ELES-Stipendium tut man das meist. So hat man sehr viele Optionen. Da kann man einfach eine Mail schreiben: „Ich arbeite in dem und dem Bereich, würd mir gern ein bisschen Expertise aneignen. Ich hab mein eigenes Geld, kann ich für 2 Monate kommen?“ Die Antwort wird nie nein sein. Wenn man sein eigenes Geld mitnimmt, dann sind die Leute meist sehr, sehr offen.

Henry

Ja, das ist interessant, dass du das ansprichst. Ich hab genau diese Erfahrung tatsächlich gemacht. Ich hab mich auch um Auslandsforschungsaufenthalte beworben und im Gespräch gehört, in den Betreff „unpaid internship“ zu schreiben. Und auf einmal kam was. Ich bin davor auch davon ausgegangen, dass ich nicht in großem Maß gefördert werde, aber allein das in den Betreff reinzuschreiben, macht sicherlich was her. Sehr interessant, dass du das noch mal so betonst. ELES bietet da tolle Möglichkeiten mit der Auslandsunterstützung, zu Reisekosten und so weiter. Das sind ja schon riesen Bürden, die von den Schultern von einigen Stipendiaten genommen werden.

Irina

Das hatte ich auch selber erfahren, denn mein Auslandsaufenthalt in England wurde auch von ELES gefördert. Damals hat es viel ausgemacht. Ich hatte natürlich auch Glück, weil mein Mann war auch in einem Stipendium, also war bei der Studienstiftung des deutschen Volkes. So hatten wir beide ein Stipendium und wurden beide fürs Auslandssemester unterstützt. Das hat das Leben um einiges einfacher gemacht.

Henry

Kann ich mir gut vorstellen, wenn man einen Partner hat, der in der gleichen Position ist. Das kann schon was Schönes sein.

Wie realisiert man Auslandssemester

  • Jedem*jeder ist ein Auslandsaufenthalt zu empfehlen, egal wie lange.
  • Es erweitert den Horizont, man lernt andere Vorgehensweisen kennen.
  • Anfragen zum Beispiel über Kontakte des*der Mentor*in, zu welchem*er Kollegen*in man gehen könnte.
  • Wenn man in die Forschung gehen will, wird danach geschaut: Kann die Person sich im Ausland bewähren, Kontakte und Netzwerke aufbauen?
  • Manchmal reicht eine E-Mail, besonders, wenn man eigenes Geld mitbringt: „Ich arbeite im Bereich xy und möchte mir gern Expertise aneignen. Ich hab eigenes Geld, kann ich für 2 Monate unbezahlt kommen?“
  • ELES Auslandsförderung ist mit einem ELES-Stipendium möglich.

ELES

Das waren jetzt ganz spezifische Tipps, Ideen und Ansätze für die Stipendiat*innen, eine besondere Entwicklung anzuregen. Habt ihr noch zum Mentoring einen Tipp? Manche Stipendiat*innen sind vielleicht erstmal vorsichtig bei der Überlegung, wie sie am besten vorgehen. Wie du am Anfang sagtest, Irina, haben wir das (die Mentorenwahl) geöffnet, so dass keine Paare (von ELES) zusammengeführt werden. Die Stipendiat*innen haben die Möglichkeit zu gucken, wo es (vom Ort, dem Fachlichen oder dem Persönlichen) passen könnte. Gibt’s da einen Rat oder einen Tipp?

Irina

Also ich finde es erstmal super, dass das so gemacht wird. Damals (als Stipendiatin), wurde ich jemandem zugeteilt und das hat thematisch gar nicht gepasst. So war ich auch ein bisschen unzufrieden, weil ich nie wusste, ob ich fachliche Fragen stellen kann. Meine persönliche Erfahrung. Jetzt, als mir (Stipendiat*innen) zugeteilt wurden, habe ich meist Leute aus dem psychologischen Bereich bekommen. Das hat dann schon gepasst. Nur ich glaube, da ist nicht ganz so viel Motivation da, das aufrechtzuerhalten. Das heißt, ich musste manchmal mehrmals schreiben, dass die Leute antworten oder ein Meeting vereinbaren. Das ist ja ein zusätzliches Angebot, das ich mir nicht selber ausgesucht hab.

Ich kann mir vorstellen, wenn ich mir selber einen Mentor oder eine Mentorin aussuche und denen dann schreibe, ist schon direkt mehr Eigenengagement drin. Das heißt, dann hab ich mehr Interesse, dass die Beziehung aufrechterhalten wird. Wie war es für dich Tal, dass du einfach jemanden zugeteilt bekommen hast?

Tal

Ja, ich hatte Glück, wie gesagt. Von anderen habe ich gehört, dass sie jemanden bekommen, der ein ganz anderes Fach hat und bei dem es gar nicht funktioniert. Ich denke auch, das ist besser, dass es jetzt so (frei wählbar) ist. Ich würde auch den Stipendiat*innen empfehlen, sich zu trauen. Also das ist ein klasse Privileg, dass man so direkt Kontakt hat zu Professoren, Professorinnen. Ich glaube, vielleicht verstehen das manche nicht, dass im Rahmen der Unis man nicht so direkt in Kontakt kommt. Ich glaube, bei der Suche von Praktika, Auslandaufenthalt und Forschung, gibt es tolle Möglichkeiten mit den Leuten in der (Mentor*innen-) Liste. Ich freue mich, dass ich mich getraut habe. Ich habe mich auch gefragt, ob das überhaupt passt, wenn ich Irina als Mentorin zur Betreuung meiner Masterarbeit frage. Geht das überhaupt von logistischer Organisation, also die Orga-Frage und ich freue mich sehr, dass ich das getan habe und dass du auch zugesagt hast natürlich.

Irina

Sie können sich trauen – das ist ein richtig wichtiger Punkt. Man hat sogar die Möglichkeit, wenn ich sehe, jemand hat in der Mentor*innenliste sehr gute Auslandskontakte, zu schreiben: „Ich würde gerne ins Ausland, hätten Sie da vielleicht eine Empfehlung für mich oder könnten Sie ein Wort für mich einlegen?“ Das macht einen gigantischen Unterschied. Ich hab nicht nur diese eine Person (Mentor*in), was schon super ist, dass man eine Person hat. Man hat ja jetzt eigentlich den ganzen Pool auch für Einzelfragen. Leute (Mentor*innen) können das angebe. Ich hab auch angegeben, es ist O. K., wenn Leute sich für Einzelfragen bei mir melden. Ich hatte auch tatsächlich eine Person, die eine Einzelfrage gestellt hat und gefragt hat, wen ich empfehlen würde für die Masterarbeitsbetreuung von so einem spezifischen Thema im Psychologie Psychiatriebereich. Da hab ich Empfehlungen gegeben. Das war kurze Interaktion, aber halt sehr Output orientiert. Ich denke, das wird vielen sehr viel helfen, dass sie jetzt einen großen Pool an Personen haben, die ihnen wirklich helfen können auf dem Karriereweg.

ELES

Ja, vielen Dank für diese Ermutigung und diese sehr detaillierten und pragmatischen Tipps. Für die Einschätzung, dass jetzt, wo wir das Programm anders ausrichten, wo die Stipendiat*innen selber gucken können, welche Mentor*innen passend zu ihrem Thema sind oder wo persönlich die Chemie passen könnte, dass wir größere Beteiligung und größere Akzeptanz bei Stipendiat*innen erreichen. Das wäre etwas, was wir besonders gerne sehen, als Bereicherung für die Stipendiat*innen, diese Möglichkeiten zu haben, die du beschreibst, Irina.

Irina

Und nicht alle haben diese positive Erfahrung gemacht, sondern es schien eher wie ein extra Angebot, das man nicht wirklich nutzt, weil es einem nicht so viel bringt. Ich glaube, dass war die Erfahrung, die einige gemacht haben, auch aus meiner Generation. Die dann erst durch diese Veränderung gemerkt haben, jetzt ist es zumindest ein fachlicher Match. Das war ja das erste Update und jetzt diese extreme Flexibilität. Müssen die Leute sich nur trauen.

Henry

Tal hat das schön beschrieben, dass im ELES-Netzwerk die Hierarchien schwächer sind, als man sie an der Uni empfindet. Der Prof hier und ich bin nur einer von tausenden. Dass sie ganz abflachen und man auch mit einer Einzelfrage zu jemandem kommt, der akademisch eine deutlich höhere Position hat, weil man sich als Menschen gegenüber steht und nicht als Repräsentant einer Rolle. Bei euch sieht man das schön, wie ELES ein Medium bietet, um in Kontakt zu kommen. Und meint ihr, dass eure Zusammenarbeit akademisch auch weiterhin Bestand haben wird? Irina, du hast ja schon angedeutet, dass du Tal gerne abwerben würdest.

Irina

Genau. Ich würde auf jeden Fall gerne ein Follow-up-Projekt machen, wenn möglich. Hab überlegt, ob ich einen Drittmittelantrag stelle oder ob es eine Organisation gibt, die Interesse daran hätte, das weiterzuführen. Ich kann mir vorstellen, dass Tal jemand ist, der auch für eine Promotion sehr geeignet wäre.

Henry

Als Longitudinalstudie dann im Vergleich zu Querschnitt?

Irina

Nicht unbedingt, was ich mir überlegt hab, war tatsächlich das Ganze auszuweiten. Aktuell haben wir uns ja jüdische und nicht jüdische Studierende angeschaut. Ich fänd es noch spannend, belastete Studierende anzuschauen, die zum Beispiel zu psychologischen Betreuungsangeboten gehen und diese in Anspruch nehmen. Um zu schauen, was die Unterschiede dieser Belastung sind. Aktuell haben wir ja generelle Krisen, Kriege, alles Mögliche, auf sozialen Medien sieht man viele schlimme Dinge. Die Belastung ist also generell hoch, wäre spannend, was die Belastung von jüdischen Studierenden unterscheidet. Und ich habe ein paar Theorien diesbezüglich, was Emotionsregulationsstrategien anbelangt.

Das heißt, das jüdische Volk hat sehr viel erlitten über die Jahre. Das Konzept transgenerationales Trauma ist ja nicht neu. Das heißt, es gibt bestimmte Dinge, die mitvererbt werden, wie schlimme Ereignisse und dazu gehören auch Emotionsregulationsstrategien. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wenn meine Eltern zum Beispiel aufgrund von extremen Antisemitismuserfahrungen oder ähnlichem maladaptive Strategien nutzen, vielleicht Vermeidung, reden gar nicht über Emotionen, dass das oft auch an die Kinder weitergegeben wird. Und wenn ich mit Belastung konfrontiert bin, die mich emotional aufwühlt, ich aber keine guten Regulationsstrategien hab, um damit klar zu kommen, hat diese Belastung natürlich größere Effekte, als wenn ich Strategien hätte, um diese zu reduzieren. Das ist so meine Idee. Ich fand es spannend zu sehen, ob wir das beobachten können, ob wir Emotionsregulationsstrategie-Unterschiede sehen. Denn das würde heißen, man hätte direkt einen Punkt an dem man ansetzen kann und genau diese weiterentwickeln und unterstützen.

Henry

Unheimlich interessante Ansätze. Ich fasse das noch mal zusammen um sicherzugehen dass ich gut verstanden habe, auch dass Leute die nicht aus auf der Welt der Neurowissenschaften kommen, das nachvollziehen. Die These wäre, dass in der jüdischen Population von Studierenden durch Faktoren wie das transgenerationale Trauma gewisse maladaptive Prozesse der Emotionsverarbeitung oder des Umgangs mit der Außenwelt in höherer Frequenz vertreten sind, als in der allgemeinen Bevölkerung. Wie das interagiert mit dem Problem der jetzigen Zeit, das ist ein unheimlich greifbares und spannendes Thema. Möchtest du das dann auf Deutschland beziehen?

Irina

Ja ich würde es auf Deutschland beziehen. Einen Teil dieser Effekte sehen wir auch in Menschen die jetzt 60/70 Jahre alt sind und in Therapie. Die oft berichten, Eltern haben nie über Emotionen geredet, in der Nachkriegszeit war das ein No-Go.

Henry

Die stille Generation.

Irina

Genau, das sieht man stark und es wäre spannend zu sehen, inwieweit sich das über drei Generationen oder noch mehr hinweg weiterentwickelt. Deswegen wäre es spannend, generell belastete Studierende zu sehen, denn ich kann mir vorstellen, dass da auch maladaptive Emotionsregulationsstrategien am Werk sind. Es wäre spannend, diesen Vergleich herstellen zu können. Sehen zu können, was ist es genau, was diese Belastung hervorruft?

ELES

Also wenn dieser Wunsch in Erfüllung gehen könnte, das wäre ja großartig. Und sicherlich gibt es, wenn du weitergehen möchtest, Tal in diese Richtung, auch die Möglichkeit über eine Promotionsförderung (von ELES) das zu unterstützen. Vielen Dank für eure Antworten und die tollen Anregungen, die wir hören durften heute.

Henry

Ja, ich würd mich auch bedanken dafür, dass ihr euch kurzfristig bereit erklärt habt, an diesem Interview teilzunehmen und mit was für einer emotionalen Tiefe ihr hier dabei seid. Ich glaub, das ist nicht selbstverständlich und wir wissen das sehr, sehr zu schätzen und es ist auch unheimlich schön zu sehen.

Irina

Vielen Dank.

Tal

Auch von meiner Seite vielen Dank für das Gespräch und auch Unterstützung von ELES. Wenn da nicht die Unterstützung von ELES wäre, dann wäre wahrscheinlich in dieser Zeit nach dem 7. Oktober weniger Kapazitäten gewesen, sich mit solchen Themen zu beschäftigen und ja.

Irina

Auch von meiner Seite vielen Dank, auch das Raumes zu beschreiben, was Aspekte wären, die helfen – auch Studierenden – ein bisschen Hilfe zu suchen, wo sie vielleicht noch keine haben. Unterstützungsangebote, auch einfach Forschungsmöglichkeiten et cetera. Meine letzte Message wäre, dass man sich einfach trauen sollte, Leute anzuschreiben, denn man ist manchmal überrascht, wie schnell positive Antworten kommen.

STIPENDIAT*INNEN ÜBER ELES

Die im ELES gelebte Vielfalt bildet die heutige jüdische Gemeinschaft ab und ist somit für die Zukunft jüdischen Lebens in Europa wegweisend. Das Studienwerk ist ein Segen für die Bundesrepublik Deutschland.

Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Schirmherrin

Zu unserem Thema der Mentoring Paarungen im Studienwerk ELES begrüßen wir Irina Jarvers (Mentorin) und Tal Tamir (Stipendiat).

Unsere neue Beirats-Vorsitzende spricht über den Wert der ideellen Förderung von ELES für Stipendiat*innen.

Im Interview mit Prof. Dr. Frederek Musall, ehem. Vorsitzender des ELES-Beirats

ideelle_Auslandsförderung

ELES ermuntert seine Stipendiat*innen zu Studien- und Forschungsaufenthalten im Ausland.