ELES wirkt mitgestaltend in der Gesellschaft – ein Interview mit Dr. Hannah Peaceman
Seit dem 11. November 2025 ist Dr. Hannah Peaceman Vorsitzende des ELES-Beirats. Der Beirat ist ein zentrales Gremium der Studienwerksarbeit: Er berät ELES und gestaltet dessen Entwicklung maßgeblich mit. Aus seinen Mitgliedern bilden sich unter anderem der Auswahlausschuss, der Programmausschuss und der Mentor*innenausschuss.
Hier das Interview als Audio anhören
Glückwünsche zur Wahl als ELES-Beiratsvorsitzende
Hallo, liebe Hannah. Herzlichen Glückwunsch zur Wahl als Beiratsvorsitzende von ELES. Zum Einstieg ein kurzer Blick zurück. Du bist ELES seit vielen Jahren verbunden, als Stipendiatin, als Vertrauensdozentin und als Beiratsmitglied. Welche Bedeutung hat ELES für deine eigene akademische Laufbahn?
Vielen Dank. Ich bin ELES seit 2010 verbunden. Ich gehörte fast zur ersten Kohorte der Stipendiat*innen, die aufgenommen wurden. Da war ELES noch im Aufbau. Ich glaube, wir waren ungefähr 30 Leute. Ich habe damals in Marburg studiert und kam aus der Tradition des egalitären Judentums, das es in Deutschland in nur sehr geringer Zahl gab, mit auch entsprechend wenigen Gleichaltrigen.
ELES war für mich ein Ort, an dem ich zum ersten Mal so viele gleichaltrige, interessierte jüdische Menschen getroffen habe, die mit mir über Politik, über Geschichte, auch über die jüdischen Erfahrungen in der nichtjüdischen Umwelt sprechen wollten. Und insofern war ELES von Beginn an ein sehr wichtiger Diskursraum, auch ein Raum, in dem ich mich furchtbar gestritten habe. Trotzdem stehe ich mit den meisten Leuten noch in guter Verbindung und wir diskutieren bis heute.
Auch für meine wissenschaftlichen Themen spielt ELES eine wichtige Rolle. Ich habe mit einer Arbeit zum Potential jüdischer Perspektiven für die politische Philosophie promoviert, obwohl ich eigentlich an meiner Universität keine Kurse zu jüdischer Philosophie besucht habe. Aber über das Ideelle Förderprogramm von ELES war es immer wieder möglich, wie in einem Parallel-Studium, Einblicke in jüdische intellektuelle Traditionen, jüdische Geschichte, jüdische Philosophie und Ethik zu bekommen.
Sowohl für meine inhaltliche Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Gegenwart als auch als Raum, in dem über jüdische Erfahrungen (in der Öffentlichkeit) gesprochen werden kann, war und ist ELES bis heute ein wichtiger Ort für mich.
Rückschau
ELES feierte im November 2024 seinen 15. Geburtstag und hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, programmatisch, politisch und in unserer Sichtbarkeit. Welche Momente waren aus deiner Sicht prägend und dir wichtig?
Diese Anfangszeit, auf die ich eben schon Bezug genommen habe, ist mir nach wie vor wichtig, weil ELES so schön unprofessionell, so offen war. Wir konnten als Stipendiat*innen vieles mitgestalten. Die Möglichkeit, jüdisches Leben mitzugestalten und in die Öffentlichkeit zu tragen, und zugleich im ELES einen Austauschraum zu haben, war befreiend.
Gerade die 2015er Jahre, die retrospektiv auch das postmigrantische Jahrzehnt genannt werden, waren eine Zeit, in der wir auch als erste Generation von ELES das Gefühl hatten, wir können jetzt nach außen treten, wir können uns als Juden und Jüdinnen in der Migrationsgesellschaft, in der Postmigrationsgesellschaft verorten. Und das hat zugleich in ELES gewirkt. Es gab Positionierungen gegen rechts und einen großen Einsatz für Allianzen zwischen Minderheiten.
Die Professionalisierung, die ELES in den letzten Jahren erfahren hat, ermöglicht zugleich, dass es in die Breite wirken kann, sowohl in die jüdische Gemeinschaft hinein als auch in die Gesamtgesellschaft. Wir sehen, dass Stipendiat*innen der ersten und zweiten und dritten Generation in verschiedenen politischen Institutionen, im Kulturbetrieb, an Universitäten arbeiten, dass sie die politische Landschaft mitgestalten und auch die jüdischen Institutionen mitgestalten. Das ist toll!
Jüdische Studierende und Promovierende werden auch in den schwierigen Zeiten gefördert und innerhalb dieser Förderung auch gefordert; etwa ihre bisher gemachten jüdischen Erfahrungen auf andere zu beziehen, und einen Blick für innerjüdischen Pluralismus zu entwickeln. Das betrifft jüdische religiöse Strömungen, das betrifft natürlich auch politische Haltungen. Gerade was den Pluralismus betrifft, in all diesen Hinsichten, in denen ich ihn schon beschrieben habe, gibt es, glaube ich, in Deutschland keinen anderen jüdischen Ort, an dem das so möglich ist und auch so nötig.
ELES als Mitgestalterin von Gesellschaft – durch unsere Stipendiat*innen und Ehemaligen, die Vertrauensdozent*innen und den Beirat – das ist mir sehr wichtig.
Dr. Micha Brumlik, Vorbild und Weggefährte
Ja, danke, Hannah, für diese wichtigen Einblicke in die ELES-Geschichte und in so wichtige Themen auch. Hannah, Professor Micha Brumlik, einer der einflussreichsten Köpfe jüdischer Publizistik der Nachkriegszeit, hat ELES über Jahre hinweg begleitet. Er war als Mitbegründer, Beiratsvorsitzender und intellektuelle Stimme bei ELES prägend.
Du hast ja mit ihm zusammengearbeitet, unter anderem bei der Zeitschrift „Jalta, Position zur jüdischen Gegenwart“. Mich interessiert, welche von Michas Visionen für ELES sind für dich heute weiterhin relevant? Und wo sollte es nun hingehen?
Micha war auch für mich persönlich eine biografisch prägende Person. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit in Frankfurt aus dem egalitären Minjan. Er war ein Vorkämpfer des liberalen Judentums und des innerjüdischen Pluralismus in Deutschland nach der Shoah. Dafür hat er sich, seit ich ihn kannte, immer eingesetzt, auch für eine Emanzipation von Frauen innerhalb des Judentums.
Was ich nochmal besonders hervorheben möchte, ist seine intellektuelle Streitbarkeit.
Er war immer bereit, eine Position zu beziehen, auch eine, die streitbar ist. Es gab eigentlich nichts, was man nicht hätte diskutieren dürfen, auch nichts, was man nicht hätte sagen dürfen. Damit war er streitbar im mehrfachen Sinne. Er wurde dafür auch angegriffen, aber er stand letztlich für das, was ich unter Intellektualität verstehe, nämlich eben nicht Rücksicht zu nehmen auf bestimmte Interessen bestimmter Organisationen, die eine intellektuelle Auseinandersetzung blockieren können. Gleichzeitig war er auch bereit, seine Position zu revidieren. Er hat meinungsstark seine Auffassungen vertreten, aber er hat sie auch überdacht, wenn er überzeugt war.
Zu dieser Streitbarkeit gehörte seine Wärme. Man konnte mit ihm streiten, nicht einer Meinung sein und trotzdem war es hinterher noch in Ordnung. Beides finde ich gerade in diesen polarisierten Zeiten wichtig, in denen wir doch oft erleben, dass man nicht mehr mit der anderen Person spricht, weil sie die eigene Meinung nicht teilt, oder dass Härte und Eindeutigkeit gefordert wird, statt eine Diskussion lebendig zu halten. Ich glaube, wir müssen uns erlauben, auch im Sinne von Micha, alles denken zu dürfen und auch die Dinge sagen zu dürfen und darüber zu diskutieren, statt uns aus Sorge vor Antisemitismus oder Instrumentalisierung zu verstecken.
Ich hoffe, dass ELES auch nach wie vor der Ort ist, an dem Streitbarkeit möglich ist.
Gegenwart
Und vielleicht eine Frage dann ganz konkret zur Gegenwart. Die Situation jüdischer Studierender und Wissenschaftler*innen an Hochschulen hat sich seit dem 7. Oktober 23 spürbar verändert. Welche Verantwortung siehst du hier für ELES und den Beirat, Orientierung zu geben?
Nochmal zum Vergleich. Ich sagte es eben, die 2015er waren Jahre, an denen wir das Gefühl hatten, dass die Zeiten besser und unsere Räume größer werden. Der 7. Oktober, aber auch schon davor, bedeutet einen Backlash. Dazu zählt das Erstarken der Rechten, der Anstieg von Antisemitismus, von Rassismus. Die Situation für Minderheiten ist insgesamt bedrückender geworden und sie ist auch gefährlicher und für Juden nach dem 7. Oktober nochmal mehr, weil auch Bündnisse z.B. mit anderen Minderheiten nicht mehr existieren, die vorher existierten, mit denen man sich auch gemeinsam gegen Rechts und gegen die Gewalt gestellt hat.
Was ich mit Sorge beobachte, ist, dass die Gesprächsräume so eng geworden sind. In der Dominanzgesellschaft, also in nichtjüdischen Räumen, kann man als Jüdin, als jüdische Studentin, als Wissenschaftlerin unter großem Druck stehen und einsam sein. Die Gefahr, dass das, was man sagt, von verschiedenen Seiten instrumentalisiert wird, dass man vielleicht mit Positionen gemein gemacht wird, mit denen man sich gar nicht gemein machen möchte, ist hoch.
Und gleichzeitig, und das macht mir Sorgen auch von jüdischer Seite, sehe ich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Kohäsionsprozesse, die sich in Reaktion auf den 7.10. verschärft haben. Es gibt sehr wenig Toleranz für abweichende Meinungen. Ich glaube, dass, was ELES und der Beirat mit den verschiedenen Expertisen und auch den sehr unterschiedlichen Meinungen, die darin vertreten sind, tun können, ist, immer wieder diesen Raum einfordern, in dem diskutiert und gerungen wird.
ELES ist auch eine Art Safer Space. Die Stipendiat*innen sprechen nicht in einer großen Öffentlichkeit, sondern sie sprechen in einem wissenschaftlich gesetzten Rahmen innerhalb des Studienwerks zu bestimmten Themen. Sie können sich ausprobieren, sie können vielleicht mal ein Argument machen, was sie nie öffentlich machen würden. Und das sollen sie auch. Sie sollen aushalten lernen, dass vielleicht jemand anders eine völlig andere Erfahrung und eine völlig andere Meinung mitbringt und man trotzdem weitersprechen kann.
Wenn ELES das schafft, über seine ideelle Förderung und vielleicht auch über ein Leitbild als ein intellektueller, pluralistischer Ort zu bestehen, ist sehr viel gewonnen. Nicht nur in Bezug auf die jüdische Gemeinschaft, sondern gesamtgesellschaftlich in dieser polarisierten Zeit, mit der wir konfrontiert sind.
Es ist vieles von dem, was wir dachten, dass es so in Ordnung ist. Dahinter fallen wir jetzt gerade zurück. Das entzieht sich unserer Kontrolle. Den Stipendiat*innen einen Raum bieten zu können, in dem sie sich intellektuell entfalten können, ist mir ein Anliegen.
Akzente
Du hast die Wichtigkeit des innerjüdischen Pluralismus betont. Wir regen ja unsere Stipendiat*innen im Rahmen der ideellen Förderung an, eigene Zugänge zu jüdischem Leben und jüdischer Identität zu entwickeln. Welche Themen und Schwerpunkte möchtest du noch betonen? Welche Akzente setzen?
Ja, gerade seit dem 7. Oktober ist das Verhältnis zu Israel ja für viele enger geworden. Oder die Bezüge sind jedenfalls stärker auf Israel zentriert. Jedenfalls beobachte ich das so.
Dabei ist aus dem Blick geraten, dass es ein eigenständiges, lebendiges diasporisches Judentum gibt. Ich würde thematisch gerne diasporische Traditionen des Judentums in den Blick nehmen und sehe dafür große Potentiale von ELES.
Wie wollen wir hier leben? Was es bedeutet, jüdische Minderheit in einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zu sein? Was können wir in die Gesamtgesellschaft als Juden und Jüdinnen einbringen? Was sind demokratische Traditionen des Judentums? Das würde mich freuen, wenn wir da nochmal einen stärkeren Schwerpunkt entwickeln können.
Auch das – sich dem diasporischen Judentum, den vielfältigen Traditionen des Judentums in der Diaspora zuzuwenden, kann eine Reaktion auf den 7. Oktober sein.
Denn was wollte die Hamas? Die Hamas wollte, dass wir Angst haben, dass wir uns zurückziehen, dass wir uns wieder in Räume verschließen. Aber ich glaube, was wir allen Rechten, allen Faschisten entgegensetzen können, ist ein selbstbewusstes Judentum: Emanzipation bedeutet Sichtbarkeit und sie bedeutet Pluralismus, sie bedeutet sich mit Widersprüchen, Spannungen und Konflikten, die es im Judentum immer gab, zu befassen, sich dem zu stellen und das als eine demokratische Praxis einzubringen.
Ich denke, es gibt viel Potenzial unter den Stipendiatinnen und Stipendiaten selbst, unter den Vertrauensdozenten, den Beiratsmitgliedern und den vielen Alumni, das zu gestalten.
Liebe Hannah Peaceman, vielen Dank für das Gespräch.
Sehr gerne, danke auch.



Kolleg Zionismen
Home_KW17, Zukunft, Zukunft_HNSIm Rahmen eines Wochenseminars waren „Herausforderungen und Fallstricke im politischen Engagement“ das Leitthema.
Sommerakademie der Werke
Zukunft, Zukunft_HNSIm Rahmen eines Wochenseminars waren „Herausforderungen und Fallstricke im politischen Engagement“ das Leitthema.
Stipendiatische Mitgestaltung
Ausland, Ombud, Zukunft, Zukunft_HNSDas Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk legt großen Wert auf demokratische Formen stipendiatischer Mitgestaltung und stipendiatische Initiativen.
Ehemaligenarbeit
Zukunft, Zukunft_HNSDie Vision des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks wird dank der wachsenden Zahl unserer Alumnae und Alumni in die Gesellschaft getragen.