Zionismus. Diskurse – Positionen – Widersprüche. Ein stipendiatischer Tagungsbericht von Hanna Brögeler

16.–19.11.2025

Frankfurt/M.

Vom 16. bis 19. November 2025 fand das gemeinsame Kolleg des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks in Kooperation mit der JSUD und der Hochschule für jüdische Studien statt. Ausgerichtet in den Räumen des Jüdischen Museums Frankfurt brachte sie rund xxx Stipendiat*innen aus ganz Deutschland zusammen.

Die Tagung des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, die in Kooperation mit der JSUD und der Hochschule für jüdische Studien vom 16.–19. November 2025 in Frankfurt am Main stattfand, widmete sich der historischen und gegenwärtigen Vielfalt zionistischer Ideen. Auf der Tagung wurden die historischen, politischen und kulturellen Strömungen des Zionismus in ihrer ganzen Vielfalt diskutiert. Forschende aus verschiedenen Disziplinen boten Einblicke in religiöse, sozialistische, revisionistische und postkoloniale Perspektiven sowie in mizrachische und palästinensisch-arabische Erfahrungsräume.

Spektrum des Diskurses

Die Teilnehmenden setzten sich sowohl mit Grundsatzfragen des jüdischen und demokratischen Selbstverständnisses Israels auseinander als auch mit Kritik, Widersprüchen und blinden Flecken innerhalb der zionistischen Geschichte. Besonders prägend war, dass die Tagung kontinuierlich zwischen historischen Analysen und aktuellen politischen Herausforderungen vermittelte. Insgesamt entstand ein Raum, in dem breite Kenntnisse vermittelt, Widersprüche offen angesprochen und verschiedene Stimmen miteinander ins Gespräch gebracht wurden. Die Tagung machte sichtbar, dass Zionismus kein homogenes Projekt ist, sondern ein dynamisches, konflikthaftes und vielstimmiges Feld. Bis heute berührt Zionismus zentrale Fragen jüdischer Identität, politischer Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Zukunftsvorstellungen.

Auftakt durch einführende Vorträge

Zu Beginn berichteten viele Teilnehmende, dass sie im Alltag häufig mit antizionistischen und antisemitischen Haltungen gegen Israel konfrontiert sind. Deshalb erhofften sie von der Tagung eine Stärkung sowie argumentative Handlungsfähigkeit. Andere betonten ihr historisches oder theoretisch-aktivistisches Interesse. Nach einer Einführung durch Prof. Dr. Doron Kiesel (Jüdische Akademie) und Prof. Dr. Johannes Becke (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg) eröffnete Fabiola Ermer (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und ELES-Stipendiatin) den inhaltlichen Teil mit einem Vortrag über das Staatsverständnis des Zionismus. Sie diskutierte die Spannung zwischen dem Selbstverständnis Israels als „Nation State of the Jewish People“ und seinem demokratischen Anspruch. Ermer arbeitete heraus, dass sich der jüdische Staat anhand der Sicherheitsdoktrin – „Schutz jüdischen Lebens weltweit“ – definiert und dass ein struktureller jüdischen Charakter verankert bleiben müsse, um dem gerecht werden zu können. Als eindrückliches Beispiel nannte sie den Libanon, der christlich gegründet wurde, aber aufgrund der deutlich höheren Geburtenrate muslimischer Bevölkerungsgruppen inzwischen mehrheitlich muslimisch ist. Ermer stellte das Konzept der „Ethnic Democracy“ nach Sami Smooha (2002) vor.  In dieser Form von Demokratie wird eine ethnische Mehrheitsgruppe strukturell privilegiert, wie etwa in Litauen, Estland oder Lettland. Die Rednerin unterschied dies klar vom Begriff der Apartheid, der zwingend eine systematische Entrechtung von Minderheiten voraussetzt.

Filmabend mit Diskussion

Am Abend wurde der Film Ben Gurion, Epilogue (2016, Regie Yariv Mozer) gezeigt. Der Film war lange verschollen und wurde erst kürzlich wiedergefunden. Die Teilnehmenden kritisierten die stark idealisierende Darstellung des Staatsgründers, angesichts seiner Verantwortung für Vertreibungen und Kämpfe mit arabischen Bevölkerungsgruppen. Auch geht die frühe strukturelle Diskriminierung mizrachischer Juden, die nach ihrer Ankunft in Israel in Lagern an der Peripherie untergebracht wurden, auf Ben Gurion zurück.

Zionismus aus verschiedenen Perspektiven

Das Vortragsprogramm deckte ein breites Spektrum ab. Neben palästinensischen und arabischen Perspektiven auf den Zionismus wurden Geschlechterbilder in frühen zionistischen Bewegungen thematisiert, die Verflechtung von Zionismus und Kolonialismus beleuchtet, revisionistischer Zionismus behandelt und die Vision eines transkulturellen Zionismus vorgestellt.

Anschließend präsentierte Tom Khaled Würdemann (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg) palästinensische und arabische Perspektiven auf den Zionismus, basierend auf umfangreichen Recherchen sowohl in israelischen als auch in palästinensischen und arabischen Bibliotheken. Die Teilnehmenden betonten, wie wertvoll es sei, solche differenzierten arabischen Positionen kennenzulernen, die im heutigen – häufig von antisemitischen Tropen geprägten – Diskurs kaum sichtbar sind.

Darauf folgte der Vortrag von Mihail Groys (Zentralrat der Juden in Deutschland) zum revisionistischen Zionismus und Jabotinskys Konzept der „Eisernen Mauer“. In der Diskussion wurde deutlich, dass Jabotinsky sich selbst als „den neuen Herzl“ verstand, während David Ben Gurion ihn polemisch „Wladimir Hitler“ nannte. Groys hob hervor, dass Jabotinsky – anders als viele seiner Zeitgenossen – arabische Akteure als „gleichwertige Gegner“ ernst nahm. Die „Eiserne Mauer“ sei Ausdruck dieser realpolitischen Anerkennung. Irritationen entstanden dennoch, weil sich die israelische Rechte heute stark auf Jabotinsky bezieht.

Gemeinsame Diskussion

Am Abend diskutierten wir mit Dr. Julie Grimmeisen (Ludwig-Maximilians-Universität München) Geschlechterbilder in frühen zionistischen Bewegungen und ihre Wirkungsgeschichte.

Besonders eindrucksvoll war der Vortrag von Prof. Dr. Johannes Becke über Jacqueline Shohet Kahanoff. Ihr Konzept des Levantinismus machte sowohl strukturelle als auch alltägliche Abwertungen mizrachischer Juden im israelischen Kontext sichtbar. Becke betonte, dass Kahanoff eine der frühen kritischen Stimmen innerhalb der israelischen Mehrheitsgesellschaft war, die die aschkenasisch geprägten Machtverhältnisse offen benannte. Während mizrachische Perspektiven im deutschsprachigen Diskurs weitgehend fehlen, ist Kahanoff in Israel – besonders in der mizrachischen Linken – ein wichtiger Bezugspunkt. Sie argumentierte, dass mizrachische Juden sich erfolgreich „hybridisiert“ hätten und leitete daraus eine Vision eines transkulturellen Zionismus ab, den sie als Zukunftsmodell Israels verstand.

Verflechtung von Zionismus und Kolonialismus

Der anschließende Beitrag von Prof. Dr. Stefan Vogt (Goethe-Universität Frankfurt) zu den Verflechtungen von Zionismus, Kolonialismus und Postkolonialismus löste intensive Diskussionen aus. Vogt argumentierte, dass postkoloniale Theorien im Kern darauf abzielen, Binäroppositionen aufzulösen, und verwies auf Homi Bhabhas Konzept eines „Third Space“. Viele Teilnehmende entgegneten jedoch, dass dies in der gegenwärtigen Realität postkolonial geprägter Debatten – insbesondere im Umfeld der antizionistischen und auch antisemitischen Campus-Besetzungen – kaum erfahrbar sei. Tom Khaled Würdemann ergänzte, dass die im Postkolonialismus nachwirkende Logik des historischen Materialismus ein gefährliches Potenzial entfalte. Sie überschneide sich strukturell mit der zentralen Idee des christlichen Antisemitismus: dem Gedanken, „dass etwas überwunden werden müsse, damit die gesellschaftliche Situation sich zum Besseren wendet“. Diese gesellschaftliche Ontologie müsse grundlegend hinterfragt werden, da die Vorstellung, die Welt müsse vom Judentum „befreit“ werden, die Kernidee des Antisemitismus ist.

Die Mazpen-Bewegung

Besonders anregend war der Input von Dr. Lutz Fiedler (Humboldt-Universität zu Berlin / Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam) zu Mazpen – einer sozialistischen israelischen Organisation, die von 1962 bis 1980 aktiv war. Mazpen vertrat die These, Israel sei „unbestritten ein Kolonialstaat“, weshalb den Palästinenser*innen vollständige nationale Rechte gewährt und gleichzeitig eine globale sozialistische Revolution angestrebt werden müsse. Mehrere Mitglieder stammten aus der Maki, der damaligen kommunistischen Partei Israels. Fiedler schilderte Situationen, in denen Mazpen-Mitglieder nach der Bedeutung der Shoah gefragt wurden, und zwar von transgenerationalen Ängsten berichteten, diese aber „weniger gewichteten“. Zum Teil war lange nicht bekannt, dass sie Nachfahren von Überlebenden waren. Diskutiert wurde, ob dies daran liege, dass Mazpen den Antisemitismus als weniger bedrohlich einstufte oder ob einfach die Hoffnung auf eine weltweite Revolution dominierte. Zitiert wurde Akiva Orrs Buch Frieden, Frieden und doch kein Frieden. Ebenfalls zur Sprache kam Jean Amérys Satz, er empfinde gegenüber Israel „keine Prinzipiengebundenheit, sondern eine Schicksalsgebundenheit“. Ergänzend wurde Yitzhak Rabins Aussage erinnert: „Ohne Mut zum Frieden bleibt der Zionismus unvollständig.“

Führung durch das jüdische Museum mit Panel zum Abschluss

Nach Führungen durch die Ausstellungen des Jüdischen Museums, das ein toller Gastgeber für die Tagung war, endete der letzte Tag mit einem Panel zu aktuellen Herausforderungen des Zionismus. Unter der Moderation von Dr. David Kowaslki (ELES) wurde kontrovers diskutiert, ob innerjüdische Differenzen öffentlich sichtbar gemacht werden sollten oder ob angesichts der aktuellen Bedrohungslage ein geschlossenes Auftreten notwendig sei. Die Diskussion zeigte eindrücklich, wie präsent und zugleich umstritten diese Frage heute innerhalb der jüdischen Community ist.

UNSER NAMENSGEBER

Nicht das Trennende übersehen oder verschweigen, aber auch nicht das Einende übersehen und verschweigen. Beides zusammen, um zu begreifen, um zu verstehen.

Ernst Ludwig Ehrlich sel. A.

Im Rahmen eines Wochenseminars waren „Herausforderungen und Fallstricke im politischen Engagement“ das Leitthema.

Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk legt großen Wert auf demokratische Formen stipendiatischer Mitgestaltung und stipendiatische Initiativen.

Die Vision des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks wird dank der wachsenden Zahl unserer Alumnae und Alumni in die Gesellschaft getragen.

Im Interview mit Prof. Dr. Frederek Musall, ehem. Vorsitzender des ELES-Beirats